In dieser Broschüre werden am Beispiel der Stadt Celle die Nacht vom 9. auf
den 10. November 1938, die sog. "Reichskristallnacht", sowie die davon nicht zu
trennenden Ereignisse vor und nach diesem Datum beschrieben.
1
Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang das Verhalten der deutschen
Bevölkerung: Duldete sie das Pogrom? Kann überhaupt zwischen "den" Nazis
und "der" Bevölkerung unterschieden werden? Beteiligte sich die deutsche
Bevölkerung aktiv am Geschehen, kam es zu Plünderungen der jüdischen
Geschäfte? Gab es Protest oder gar Widerstand gegen die Angriffe auf Jüdinnen
und Juden, Akte der Solidarität mit den Terrorisierten? War es denkbar, dass die
Ereignisse nicht allen bekannt waren?
Als ergiebige Quellen erwiesen sich die lokalhistorische Darstellung Mijndert Bertrams,
Celle - Eine deutsche Stadt vom Kaiserreich zur Bundesrepublik, der von Brigitte Streich
herausgegebene Sammelband Juden in Celle sowie die Dokumentation Jüdische Spuren im
Celler Stadtbild mit dem Text von Sabine Maehnert. Sie gehören, zumal als Beispiele
für die offizielle Geschichtsschreibung der Stadt Celle, zu den aktuelleren
Beiträgen zu diesem Thema. Als überaus nützliches Hilfsmittel erwies sich
auch das kürzlich erstellte Spezialinventar zur Geschichte der Juden in Celle.
2
Einen die Lokalgeschichte Celles betreffenden Beitrag enthält weiterhin das
Historische Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Das
Handbuch wird in Zusammenarbeit mit den Universitäten Jerusalem und Hannover sowie
der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und Hannover herausgegeben und enthält
unter anderem einen Artikel von Sibylle Obenaus über die jüdische Gemeinde
Celle, dem einige neue Informationen zu entnehmen waren.
3
Eine weitere besondere Quelle aufgrund der zeitlichen Nähe zum Geschehen ist das
Tagebuch des Zeitgenossen Karl Dürkefälden. Mit dessen Aufzeichnungen liegt
eine sehr dichte Beschreibung der Geschehnisse vor.
4
Anfang 1933 lebten noch 71 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens 5 in Celle. 6 Diese Gruppe war in ihrer sozialen Zusammensetzung äußerst heterogen: "Dies wird anschaulich, wenn man sich vor Augen hält, welche gesellschaftlichen Welten etwa zwischen dem Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Dr. Richard Katzenstein und dem aus Zentralpolen eingewanderten Schuhmacher Fischel Gezelewitsch lagen." 7 Nach Darstellung Bertrams wurden 10 bis 12 Familien zur eigentlichen jüdischen Gemeinde gerechnet. 8 Dabei kannten sich die Mitglieder dieses Personenkreises untereinander nicht unbedingt. Gründe waren die bereits erwähnte heterogene Sozialstruktur, aber auch die unterschiedlichen Haltungen bezüglich der jüdischen Religion. Während die einen ihren Glauben offen praktizierten, strebten andere nach Assimilierung oder aber verbargen mitunter ihre religiöse Orientierung.9
Der reichsweite Boykott am 1. April 1933 betraf in Celle die jüdischen
Ladengeschäfte und zwei Rechtsanwaltspraxen.
10 Fünf Tage später
beschloß das Bürgervorsteherkollegium, an jüdische Firmen keine
städtischen Aufträge mehr zu vergeben.
11 Mit dem am 7. April 1933
erlassenen "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde die "Ausschaltung"
der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Dienst eingeleitet. Die
beiden Celler Richter, Senatspräsident Katzenstein und Amtsgerichtsrat Lenzberg,
die zunächst unter die Sonderregelung für Frontkämpfer fielen, wurden
nach ihrer Versetzung an die Amtsgerichte Harburg-Wilhelmsburg bzw. Osnabrück
schließlich doch in den Ruhestand versetzt.
12 Von den drei jüdischen
Rechtsanwälten am Oberlandesgericht, Rosenbaum, Herzfeld
13 und von der Wall, die jeweils
die Bedingungen für eine weitere Berufsausübung "nichtarischer" Anwälte
erfüllten, behielt nur Herzfeld seine Zulassung, die beiden anderen wurden beurlaubt.
Rosenbaums Entlassung erfolgte wegen "kommunistischer Umtriebe", woraufhin er emigrierte.
14 Julius von der Wall erreichte
im Juli die Wiederzulassung als Anwalt.
15 Als Notar hingegen durfte er
seit dem 27. Juli 1933 nicht mehr tätig sein.
16
Bis Ende 1933 hatten knapp ein Viertel, nämlich 17 der ortsansässigen
Jüdinnen und Juden, die Stadt verlassen. "Überwiegend waren es die Jungen und
Ungebundenen sowie diejenigen, denen man bereits die Existenzgrundlage völlig genommen
hatte, die zuerst fortzogen."17
Diejenigen, die sich trotz der auf Auswanderung angelegten Maßnahmen von
Administration und deutscher Bevölkerung nicht vertreiben liessen oder aber
schlichtweg nicht ohne Weiteres auswandern konnten - immerhin band der Besitz, oft sollte
auch zumindest die schulische bzw. berufliche Ausbildung der Kinder abgewartet werden,
besonders schwerwiegend waren aber auch die restriktiven Einwanderungsgesetze der
möglichen Fluchtländer - wurden allmählich aber kontinuierlich in ihrem
Dasein angegriffen: Systematisch wurde sie rechtlich benachteiligt, ihres Besitzes beraubt
und stigmatisiert.18
Für die nach 1933 zu verzeichnende deutliche Abnahme der Auswanderungen findet
sich bei Bertram folgender Erklärungsversuch: "Trotz allem, was geschah, war
Deutschland auch für die meisten seiner jüdischen Einwohner noch immer Heimat.
Hier waren sie verwurzelt, für dieses Land hatten viele Männer im Weltkrieg
gekämpft, deutsch war man nach Bildung, Lebensweise, Denken und Fühlen."
19 So sei eine abwartende
Haltung unter der jüdischen Bevölkerung und auch die Hoffnung auf bessere Zeiten
entstanden. Speziell in Celle habe man zudem das Gefühl gehabt, sich in einer relativ
guten Lage zu befinden. "Wohl spürte man auch hier einen weithin dominierendem
Antisemitismus, doch dieser blieb im großen und ganzen passiv und schlug nicht in
Ausschreitungen um. "20
Nach Erinnerung Kurt Robergs war man "geradezu stolz darauf, daß im Gegensatz zu
anderen Städten die Juden in Celle kaum angepöbelt, Kinder auf dem Schulweg
nicht belästigt und Jugendliche nicht verprügelt wurden."
21 Um diesen geduldeten Status
nicht zu gefährden, "war man um Unauffälligkeit bemüht", und so "ging das
Leben irgendwie weiter".22
Die "tolerante" Haltung der CellerInnen fasste Oberbürgermeister Ernst Meyer
23 auf Anfrage der Stapo
Harburg-Wilhelmsburg im Juni 1935 wie folgt zusammen: Die Stadtbevölkerung sei "in der
Judenfrage" aufgeklärt und meide jüdische Geschäfte. "Der Jude"
betätige sich jetzt als Reisender auf dem Lande.
24
Auch ein anderer "Vorfall" strapazierte die Toleranz zumindest einiger CellerInnen bzw.
wurde von interessierter Seite begierig aufgegriffen: Pastor Voigt, Vertreter der
Bekenntnisgemeinschaft in Celle, führte am 7. Juli 1935 die Taufe der Jüdin Elsa
Kohls und ihrer beiden Töchter Edith und Lieselotte
25 durch. In seiner
Rechtfertigung gegenüber Gemeindevorstand und NSDAP berief er sich auf das Recht der
Kirche zur "Judenmission".26
Letztlich entgingen Frau Kohls und ihre Töchter auch durch diesen Wechsel der
Konfession nicht der Verfolgung.
27
Erwähnenswert ist schließlich auch eine Beilage der Celleschen Zeitung im
September 1935: sie bestand aus einem Flugblatt der NSDAP mit der Überschrift
"Achtung! Juden in Celle", auf dem die Namen aller jüdischen Geschäfte
aufgelistet waren.28
Ab Mitte der 30er Jahre setzte in Celle die "Arisierung" zahlreicher in jüdischem
Besitz befindlicher Geschäfte ein. Die permanente, aggressive Boykottpropaganda,
der Ausschluss von öffentlichen Aufträgen, die Verweigerung der Annahme von
Werbeinseraten und andere diskriminierende Bedingungen zwangen die jüdischen
Kaufleute zur Geschäftsaufgabe.
29
"Nutznießer dieses Prozesses waren gewöhnlich gutdeutsche Nachbarn, die
Immobilien, Ladeneinrichtungen und Warenlager zu günstigen Preisen übernehmen
konnten."30
Ein weiterer entscheidender Bestandteil der nationalsozialistischen "Judenpolitik" war der
Beschluss der "Nürnberger Gesetze" im September 1935. Auf dem Parteitag der NSDAP
vom 15.9.1935, dem "Reichsparteitag der Freiheit", wurde dem Antisemitismus eine
gesetzliche Grundlage verschafft: Durch das "Reichsbürgerge-setz" wurden die Rechte
deutscher StaatsbürgerInnen, die zuvor zu "Juden" erklärt worden waren, stark
eingeschränkt. Das zweite der "Nürnberger Rassegesetze" war das "Gesetz zum
Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", kurz "Blutschutzgesetz", und
beinhaltete das Verbot von sog. "Mischehen" zwischen NichtjüdInnen und JüdInnen.
31
"Kein nach der nationalsozialistischen Revolution erlassenes Gesetz ist eine so vollkommene
Abkehr von der Geisteshaltung und der Staatsauffassung des vergangenen Jahrhunderts wie das
Reichsbürgergesetz. Den Lehren von der Gleichheit aller Menschen und von der
grundsätzlichen unbeschränkten Freiheit des einzelnen gegenüber dem Staate
setzt der Nationalsozialismus hier die harten, aber notwendigen Erkenntnisse von der
naturgesetzlichen Ungleichheit und Verschiedenartigkeit der Menschen entgegen. Aus der
Verschiedenheit der Rassen, Völker und Menschen folgen zwangsläufig
Unterscheidungen in den Rechten und Pflichten der einzelnen. Diese auf dem Leben und den
Naturgesetzen beruhende Verschiedenheit führt das Reichsbürgergesetz in der
politischen Grundordnung des deutschen Volkes durch."
32
Nach dem Erlaß der "Nürnberger Gesetze" und mit Forcierung der "Arisierung"
nahm die Zahl der Auswanderungen wieder zu. Überwiegend ältere Jugendliche und
junge Erwachsene wurden vorangeschickt. So lebten Anfang 1938 36 "Volljuden" im Sinne der
"Nürnberger Rassegesetze" in Celle.
33 Eine Reihe jüdischer
Familien hatten Celle bereits verlassen: Die Atmosphäre in der Stadt war immer
gefährlicher geworden, die antisemitische Propaganda - vor allem auch in der
Celleschen Zeitung - hatte in ihrer Schärfe immer mehr zugenommen.
In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 1938 wurden rund 18.000 Juden polnischer
Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich nach Polen deportiert.
39 Geplant war die Vertreibung
von rund 50.000 im Reich lebenden polnischen JüdInnen, die von dem am 31. März
1938 mit Wirkung vom 30.10. von der polnischen Regierung erlassenen Gesetz "über den
Entzug der Staatsbürgerschaft" betroffen wurden. Es sah unter anderem vor, dass jede/r
Pole/in ausgebürgert werden konnte, der länger als fünf Jahre ununterbrochen
im Ausland gelebt hatte. Die polnische Regierung wollte sich damit insbesondere der
jüdischen MitbürgerInnen entledigen. Vor Inkrafttreten des Gesetzes begann die
Gestapo auf Ersuchen des deutschen Auswärtigen Amtes vom 26. Oktober die
Abschiebeaktion der JüdInnen, die aber schon am 29. des Monats wegen -
völkerrechtlich gedeckter - polnischer Gegenmaßnahmen, die in diesem Falle in
der Ausweisung von "Reichsbürgern" bestanden, abgebrochen werden mußte.
Polnisch-jüdische Hilfsorganisationen hatten mittlerweile begonnen, die Tausende,
z.T. gezwungenermassen im Freien kampierenden Deportierten mit dem Notwendigsten zu
versorgen.
Zu diesen aus Polen stammenden JüdInnen gehörte auch die Celler Familie Schul.
40 Jedoch gelang auch bei ihm
und seiner Familie nicht die Abschiebung nach Polen, er kam "nur" bis Berlin und kehrte
dann nach Celle zurück.41
Nachdem am 7. November Herschel Grynszpan in der deutschen Botschaft in Paris den
Legationssekretär vom Rath angeschossen hatte
42, titelte die Cellesche
Zeitung am darauffolgenden Tag "Wieder einmal war es ein Jude! - Deutscher
Legationssekretär in Paris angeschossen". Im entsprechenden Artikel wurde auch der
Völkische Beobachter (VB), das Zentralorgan der NSDAP, zitiert. Dieser hielt es
für evident, "daß das deutsche Volk aus dieser [...] Tat seine Folgerungen
ziehen" werde und das Signal für den "Beginn einer neuen deutschen Haltung in der
Judenfrage" gegeben sei.43
Die seit 1867 erscheinende CZ war für den Raum Celle nicht irgendeine Zeitung,
sondern besaß dort seit jeher die Meinungsführerschaft, nicht zuletzt dank
ihrer Auflagenstärke. So entsprach der Bericht des Landrats Wilhelm Heinichen -
seit 1.5.1933 Parteigenosse44 -
an den Regierungspräsidenten über die Presselandschaft in Celle und Umgebung
wohl den Tatsachen: "Die Presse wird im Landkreis Celle zur Hauptsache durch die
Cellesche Zeitung, den Celler Beobachter, der zusammen mit der Niedersächsischen
Tageszeitung herausgegeben wird, sowie die in Bergen gedruckte Tageszeitung 'Der Bote aus
dem ehemaligen Amte Bergen' und deren Kopfzeitung 'Die Hermannsburger Zeitung' vertreten.
Sie alle stehen hinter der Regierung und bemühen sich, das Gedankengut des
Nationalsozialismusses der Bevölkerung immer näher zu bringen."
45
Am nächsten Tag machte die CZ ihren Standpunkt in einem Artikel über den
"Ernste[n] Zustand vom Raths" deutlich. Ähnlich wie der VB kommt sie zu dem
Schluß: "Die Empörung des deutschen Volkes über die verübten
Attentate wird die Antwort erteilen. Denn es ist klar, daß das deutsche Volk aus
dieser neuen gemeinen Bluttat seine Folgerungen zieht. Die Leidtragenden sind dabei die
Juden, auch die ausländischen Juden. Das haben sie ihren Rassegenossen im Auslande
zu danken, die draußen in der Welt zum Krieg gegen Deutschland hetzen und deutsche
Beamte niederschießen."
46
Zur Illustration der Behauptung von den niedergemetzelten "deutschen Beamten" wird auf
derselben Seite unter der Überschrift "Das Maß ist jetzt voll! - Die deutsche
Presse über die Konsequenzen für die Juden innerhalb der Reichsgrenzen - Das
deutsche Volk fordert Sühne für den neuen jüdischen Meuchelmordversuch"
der Fall des zwei Jahre zuvor in Davos (Schweiz) "gefallenen" Landesgruppenleiters
Wilhelm Gustloff bemüht:
"Beide [vom Rath und Gustloff] sind das Opfer gewissenloser, verbrecherischer und
ekelhafter jüdischer Mörder, die ohne festen Wohnsitz, ohne Lust zur Arbeit,
verbrecherischen Artinstinkten ihrer Rasse folgend, die Mordwaffe erheben."
47
An diesem 9.11. fand in Celle auf der Stechbahn, einem großen Platz im Stadtzentrum, zwischen Rathaus und Schloß gelegen, eine Feierstunde anläßlich des Marsches auf die Münchener Feldherrnhalle vom 9.11.1923 und der dabei getöteten "Helden der Bewegung" statt. 48 Auf dieser Veranstaltung, zu der 1750 Angehörige der NSDAP und ihrer verschiedenen Formationen, eine Ehrenkompanie der Wehrmacht sowie zahlreiche BürgerInnen Celles erschienen waren, verlor der Kreisleiter der Partei, Passe, in seiner Gedenkrede - nach Quellenlage - kein Wort zu Herschel Grynszpan. Den Höhepunkt und Abschluß der Gedenkveranstaltung bildete um Mitternacht die Vereidigung der SS-Bewerber des Sturmbanns III/17 vor dem Schloß.49
Vermutlich traf am 10.11. um zwei Uhr früh in der Geschäftsstelle der
SA-Standarte 77 (Mühlenstraße 12) der Befehl zum Angriff ein.
Schnell machten die Ereignisse die Runde. Ebensowenig wie der nächtliche
Lärm zu überhören war, waren die Spuren der Zerstörung am
nächsten Tage zu übersehen: Glassplitter, Schaufensterpuppen, Schuhe und
andere Waren lagen vor den jüdischen Geschäften.
76 "Ich mußte mein
Rad [auf dem Weg zur Arbeitsstelle] schieben wegen der vielen Glassplitter" bemerkte
der Zeitgenosse Paul Schang in einem späteren Interview.
77
"Im Laufe des Tages nagelten Stadtbedienstete die Schaufenster mit Brettern zu.
Straßenfeger warfen mit der Schaufel Scherben, Dekorationspuppen, Schuhe und
Kleider in die Geschäfte zurück."
78
In die Geschäfte zogen neue Besitzer ein, darunter die ehemalige Konkurrenz. Noch
Tage nach der "Kristallnacht" liefen durch die Stadt Männer mit verbundenen
Händen - auch angesehene Geschäftsleute.
79
Über Plünderungen ist nichts Näheres bekannt.
80 Für die Geschäfte
von Oskar und Hans Salomon werden solche Vorfälle von Maehnert erwähnt.
81 Es ist jedoch nicht
auszuschliessen, dass zumindest einzelne Privatpersonen die Gelegenheit nutzten, sich
auf der Straße liegende Waren anzueignen. Ein Beispiel eines solchen "Einzelfalls"
findet sich bei Brese: "Als ich beispielsweise morgens nach der Kristallnacht, in der in
ganz Deutschland jüdisches Eigentum vernichtet wurde, nach Celle kam, war ich
entsetzt. Ich sah auf dem Marktplatz einen großen Haufen brennender Textilwaren.
Sie waren aus dem Geschäftshaus Wolf herausgeholt und hier nun verbrannt. Ich fuhr
entsetzt zum Vulkanisiergeschäft Guttzeit, um einen Autoreifen abzuholen. Mit
Empörung berichtete ich dort von dem Feuer. Da kam ein Lehrling lachend mit einen
Ring voller Schlipse und sagte: 'Ich habe für mein Leben genug Schlipse, die habe
ich am Feuer gefunden.'"82
Gemäß des Fernschreibens des SS-Gruppenführers Reinhard Heydrich
83 waren Plünderungen
aber ohnehin zu verhindern und Plündernde zu verhaften, schließlich lautete
die Vorgabe auf Inszenierung eines ungelenkten, aber disziplinierten Pogroms und der
wirtschaftliche Nutzen war nicht für einzelne "Volksgenossen" sondern für den
Staat vorgesehen.
Die Beobachtungen Karl Dürkefäldens bezüglich der Reichspogromnacht
waren Folgende: "Am Morgen des 10. November 1938 hatte ich es wie oftmals sehr eilig,
leider: Es war viertel vor Acht Uhr. Ich kam hinter der [Celler] Stadtkirche vorbei,
sah in der Zöllnerstraße, Ecke Poststraße, einen Menschenauflauf.
Fragte ein daherkommendes Schulmädchen, was da los sei. 'Bei Wolff liegen die
ganzen Sachen draußen.' Ich wollte zurücklaufen, tat es leider der knappen
Zeit wegen aber nicht. Sah noch ein schadenfrohes Gesicht, hörte Worte, an der Ecke
läge auch alles auf der Straße, hätten aber ganze Arbeit gemacht. [...]
Als ich nach 5 Uhr nachmittags aus dem Geschäft kam, waren alle jüdischen
Schaufenster mit Brettern zugenagelt, man konnte nur noch erkennen, daß auch nicht
die kleinste Nebenscheibe geschont war. [...]
Unser Betriebsleiter [Hildebrandt] war vor 7 Uhr durch die Stadt gefahren. Die Schuhe
lagen bei Salomon auf der Straße zwischen den Geleisen [der Strassenbahn]. Die
angezogenen Puppen (Figuren), die bei Hasall auf dem Fußweg lagen, hätten in
der Dämmerung gewirkt wie Leichen. Der Modelltischler Niemann
84 kam mit seinem Rade etwa
um die gleiche Zeit durch die Bergstraße, erzählte, daß bei Neumann
85 ebenfalls die Sachen auf
der Straße lägen und die Leute sich was heraussuchten, während bei
Salomon ein Schupo stand. Wie ein Lauffeuer ging das durch die Stadt; von Mund zu Mund
und per Telefon hatten sich die Frauen unterrichtet, die nun in die Stadt gingen, um
sich die Sachen anzusehen. Bei Wolff konnte man ganz durchs Haus gucken, alles
zertrümmert. Die Ärmel waren aus den Kleidern gerissen, die Kragen und so auf
die Straße. Die Stoffballen mit der Spitzhacke geschlagen und ebenfalls auf die
Straße geworfen, die nachher noch die Mittelschüler - die Mittelschule liegt
in der Nähe - fast die ganze Straße entlang abrollten. Gerda ist bei ihren
Kindern zu Hause geblieben, nicht aber unsere Nachbarinnen. So hatte Frau Hoffmann bei
Wolff gesehen, wie ein Schutzmann ein paar Frauen mitnahm, weil sie gesagt hatten:
'Was sollen nun bloß die armen Menschen machen?' Es hat sich bald herausgestellt,
daß das Volk größtenteils keinesfalls damit einverstanden war, wenn auch
Goebbels nachher propagiert hat, das deutsche Volk hätte sich Luft gemacht. [...]
Und das soll nicht organisiert gewesen sein? In Celle ist es die Feuerwehr mit ihren
Schlagwerkzeugen gewesen, darunter ein Geheimpolizist, wie Hildebrandt wissen wollte,
der immer gut informiert ist. Die Sachen haben zur Ansicht auf der Straße gelegen,
am hellen Morgen, und die Straßenfeger haben die schönen Schuhe, die zwischen
leeren Kartons auf der Straße lagen, auf die Schaufel genommen, und so wie Dreck
wieder bei Salomon ins Fenster geworfen. (Daß der Stoff fast die ganze
Zöllnerstraße entlang abgerollt wurde, habe ich mir von einem 13jährigen
Mädchen aus der Weinstraße [dort wohnte D.] nochmal bestätigen lassen,
hatte es aber auch nicht gesehen.) [...]
Auch in Celle hat die Polizei das Fotografieren verboten. 'Gehen sie mit ihrem Fotoapparat
da weg', wollen welche gehört haben."
86
Ganz der Linie vom disziplinierten Pogrom entsprechend und im übrigen recht kurz
meldete die CZ bereits am 10.11.: "Judenfeindliche Demonstrationen in Celle - Ausdruck des
spontanen Abscheus gegen die jüdischen Meuchelmörder. Nachdem gestern nachmittag
die Nachricht vom Ableben des Gesandtschaftsrates vom Rath die Stadt durcheilt hatte,
bemächtigte sich der Bevölkerung eine tiefe Erregung gegen die jüdischen
Mordbuben. In den Nachtstunden fanden Demonstrationen der Bevölkerung gegen die
jüdischen Ladengeschäfte statt, deren Schaufenster und Auslagen demoliert
wurden. Wiederum zeigte sich die gute Disziplin in unserer Bevölkerung, die
Plünderungen vermied. Die Polizei stellte sich als Wache vor den geöffneten
Geschäften auf."87
Nach einer Meldung Heydrichs an Göring vom 11. November wurden während der
Pogrome 191 Synagogen niedergebrannt und 76 vollständig demoliert. 11
Gemeindehäuser, Friedhofskapellen o.ä. Einrichtungen wurden in Brand gesetzt,
drei weitere völlig zerstört.
88 7500 Geschäfte wurden
zerstört89 und 26.000
Juden in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau verschleppt.
90 Die Statistik verzeichnet
weiterhin 116 Todesopfer, davon 70 Selbstmorde, womit allerdings diejenigen nicht
mitgezählt wurden, die nach ihrer Verhaftung in den Konzentrationslagern umgekommen
sind.91 Trotz dieser Bilanz
mußte Dürkefälden feststellen: "So fand ich nirgends geschrieben,
daß eine Synagoge gebrannt hat und dabei verloren ging. Unsere Zeitung, die
N[iedersächsische] T[ages] Z[eitung], die in Hannover gedruckt wird und die hier mit
einer Beilage 'Celler Beobachter' herauskommt, brachte am 10. November in diesem
'Celler Beobachter' nur eine ganz kurze Notiz über die Celler Vorfälle, ganz
unauffällig."92
Die Darstellung der offiziellen Presse täuschte nach der Interpretation Bertrams
niemanden. Die Aktion sei sogar überwiegend auf Mißfallen, wenngleich auch
nicht auf Protest oder gar Widerstand seitens der deutschen Bevölkerung
gestoßen, was dieser jedoch lediglich mit den Aussagen Karl Dürkefäldens
und Paul Schangs belegt93:
Paul Schang hatte wie Karl Dürkefälden den Eindruck, dass es sich nicht um
spontane Ausschreitungen, sondern um organisierte Zerstörungen handelte. Die
Bevölkerung in ihrer Gesamtheit habe sich nicht mit den Ereignissen identifiziert.
94
Während die offensichtlich als Ausdruck von Zivilcourage zu wertende Haltung
des Installateurs Walter Kaatz oder auch das Eingreifen des Zimmerpoliers August Schmidt
am jüdischen Friedhof erst durch den Beitrag von S. Obenaus wieder bekannt wurde,
verhielt es sich bei einer anderen Celler Persönlichkeit gänzlich anders.
In der Celler Historiographie hat sich lang die Legende des "mutigen Feuerwehrmannes"
Gustav Krohne gehalten. Dieser selbst behauptete später, seinem energischen
Auftreten sei es zu verdanken gewesen, dass die Synagoge nicht angezündet wurde.
Die Legende vom "mutigen Feuerwehrmann" findet sich schriftlich erstmals in der Festschrift
zum 100jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Celle 1864-1964: "Die
'Kristallnacht' am 8. November 1938 ist kein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte, aber
es muß hier hervorgehoben werden, daß es in Celle dem damaligen
Stadtkreisfeuerwehrführer Krohne zu verdanken ist, daß die in der Synagoge
Im Kreise angelegten oder vorbereiteten Brände noch im Keim erstickt wurden, weil
G. Krohne kurzerhand erklärte: 'Wenn es hier brennt, kann ich das Feuer nicht auf
seinen Herd beschränken, es wird zu einem Brand der ganzen Umgegend kommen.' Durch
dieses energische Auftreten sah sich die Partei gezwungen, von ihrem Vorhaben abzusehen."
95
Die Stadt Celle übernahm diese Version in ihren Publikationen: Ebenfalls 1964 erschien
der Sechste Verwaltungsbericht der Stadt Celle. Auch dort wird es Krohne zugutegeschrieben,
"daß die [..] vorbereiteten oder angelegten Brände noch im Keim erstickt
wurden."96 Sogar in der
Festschrift zur Wiederherstellung der Synagoge von 1974 taucht diese Legende auf. Im
Vorwort schreiben Bürgermeister Helmuth Hörstmann und Oberstadtdirektor
Eichelberg: "Die Celler Synagoge, vielleicht das älteste noch bestehende
jüdische Gotteshaus Deutschlands [...], verdankt ihre Erhaltung in der 'Kristallnacht'
am 8. [!] November 1938 der besonnenen und mutigen Haltung des damaligen
Stadtkreisfeuerwehrführers Gustav Krohne."
97
Schließlich findet sich noch 1986 bei Hamann die auf Blankes Angaben beruhende
Darstellung, "[.. dass] sich die Freiwillige Feuerwehr wegen der Brandgefahr für
die angrenzenden Fachwerkhäuser [..] mit Erfolg dagegen wehren konnte."
98
Zu Gustav Krohne ist jedoch anzumerken, dass er NSDAP-Ortsgruppenleiter der Altstadt war,
also vermutlich ein den Zielen der NSDAP nahestehender Zeitgenosse, und dass er die
Ausgabe von Äxten und Beilen an die SA veranlaßt hatte.
99 Es verwundert die
Langlebigkeit dieser Legende, obwohl bereits im Tagebuch Dürkefäldens
bezüglich der Frage nach den Durchführenden des Pogroms nachzulesen ist: "In
Celle ist es die Feuerwehr mit ihren Schlagwerkzeugen gewesen, darunter ein
Geheimpolizist, wie Hildebrandt wissen wollte, der immer gut informiert ist."
100
Als Fälle von "Zivilcourage" werden von Bertram die Celler Rechtsanwälte
Hans-Joachim Frisius, Kurt Blanke und Georg Klapproth bezeichnet.
101 Diese beantragten nach
dem Pogrom ihre Entlassung aus der SA und riskierten damit neben einem
Parteigerichtsverfahren auch ein Ehren- und Disziplinarverfahren bei der Anwaltskammer
Hannover. Das Verfahren gegen Klapproth wurde jedoch gar nicht erst eröffnet, "weil
er seinen Austritt erst Anfang Dezember 1938 erklärt hatte und die Partei offenbar
zunächst das inzwischen bereits angelaufene Parteigerichtsverfahren gegen Frisius
und Blanke abwarten wollte. Als dieses Verfahren abgeschlossen war, teilte man Klapproth
seine antragsgemäße Entlassung aus der SA mit."
102 Abgeschlossen wurde
das Verfahren gegen Frisius und Blanke mit einem Freispruch und einer
antragsgemässen Entlassung aus der SA unter voller Rehabilitierung.
103
Neben der Einschätzung der Austrittsgesuche an sich als besonders risikobehaftete
Akte - immerhin war der reichsweite Pogrom parteiintern sehr umstritten - erscheint die
Nennung Blankes diskussionswürdig. Am Rande seriöser Darstellung von Geschichte
bewegt sich jedenfalls der CZ-Artikel vom 7.1.1995 "Kurt Blanke und Mijndert Bertram im
Gespräch [..]", in dem das Buch Bertrams Celle - Eine deutsche Stadt vom Kaiserreich
zur Bundesrepublik vorgestellt wurde. Zu dieser Gelegenheit wurde Blanke als "Zeitzeuge"
eingeladen. Er nahm diese Gelegenheit wahr, auch um sich geschichtsrevisionistisch zu
äußern.104 In
dem vom CZ-Chefredakteur Michael Rothfuchs verfaßten Artikel über das
Gespräch darf sich der "damals anwesende Zeitzeuge" "erinnern"; er sei über
das "erniedrigende" Geschehen derartig "erschüttert" gewesen, dass er tags darauf
seinen Austritt aus der SA erklärt habe.
105 Damit sollte
offensichtlich angedeutet werden, Blanke hätte, persönlichen Nachteil
inkaufnehmend, eine grundsätzlich kritische Haltung zum Regime gehabt, und diese
auch mutig kundgetan.
Die Spekulation um den Wahrheitsgehalt der Behauptung, der seit 1930 in Celle als
Rechtsanwalt arbeitende und lebende Blanke
106 hätte
tatsächlich nichts von der jüdischen Synagoge gewußt
107, soll an dieser Stelle
nicht weiter vertieft werden. Dasselbe gilt für die Kritik der Werte "Ehre",
"Deutschsein" sowie das Menschenbild Blankes. Keineswegs soll das Austrittsgesuch
Blankes bzw. die entsprechende interne Begründung
108 als durchweg loyale,
konstruktive Kritik herabgewürdigt werden. Immerhin bezeichnete er JüdInnen
in dieser als "wehrlos" und verurteilte Gewalt gegen diese als "schimpflich", womit er
sich gewiß keine Sympathiebekundungen seitens seiner SA-Kameraden eingehandelt hat.
"Schimpflich" war diese Gewalt gegen "Wehrlose" nach Blankes Auffassung jedoch nur,
"wenn sie nicht vom Staat in der Form ordentlichen Rechts ausgeht." Damit drängt
sich die Frage auf, ob Aktionen gegen Minderheiten für Blanke akzeptabler gewesen
wären, wenn sie ohne bei den Tätern "niedrigste Instinkte" auszulösen
und "ordentlich", d.h. ohne "überflüssige" und "sinnlose" "Akte der
Verwilderung und Rohheit" exekutiert worden wären. Ebendiese Schlüsse hatte
zumindest auch die NS-Führung aus den Reaktionen der Bevölkerung auf die
Reichspogromnacht gezogen: die späteren Vernichtungslager - also Lager, die
ausschließlich für den Massenmord vorgesehen waren - wurden allesamt im
besetzten Polen errichtet.
Im übrigen wäre der Eindruck einer grundsätzlich oppositionellen
Haltung zur Regierung vielleicht nicht entstanden, wenn Blanke davon berichtet
hätte, was er von 1941 bis 1944 getan hat.
109
Nicht vom Pogrom zu trennen sind die anschließenden Massendeportationen
110 die auch die Celler
Juden betrafen. Im Verlauf des Vormittags wurden bis auf versehentliche Ausnahmen
111 alle jüdischen
Männer und männliche Jugendliche festgenommen und in das Polizeigefängnis
in der Bergstraße und das Gerichtsgefängnis eingeliefert.
112
Am darauffolgenden Tage übergab man die Männer der Stapo-Stelle Lüneburg
in Hamburg-Harburg, die sie zum KZ Sachsenhausen weiterleitete. Verschont wurde lediglich
der fast 78jährige pensionierte Oberpostsekretär Iwan Dawosky.
113
Am selben Tag wandte sich Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels über die
Medien an die Bevölkerung. Deutlich plaziert auf der Titelseite stand am 11.
November in der CZ:
"Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über
den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich
in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen
Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische
Gebäude und Geschäfte vorgenommen.
Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen
weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art,
sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris
wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum mitgeteilt werden."
114
Abschluß der "Arisierung" mit Hindernissen und das Schicksal der verbliebenen Jüdinnen und Juden zur Übersicht
Gemäß dem Erlaß des Beauftragten für den Vierjahresplan
Göring
vom 12.11.1938, nach dem JüdInnen in Deutschland der Betrieb von Einzelhandes-
und Versandgeschäften oder Bestellkontoren sowie die selbständige Ausübung
eines Handwerks ab dem 1. Januar 1939 untersagt sei
115, wurde die "Arisierung"
jüdischen Besitzes auch in Celle zum Abschluß gebracht.
Unter den Publikationen zum 9./10.11.1938 in Celle finden sich
verhältnismäßig viele Texte, in denen das Wissen um bzw. die Beteiligung
der deutschen Bevölkerung an Verbrechen geleugnet
133, eine oppositionelle Haltung
zum NS-Regime angedeutet134
oder einzelne wichtige Fakten verschwiegen werden.
135 Mitunter wurde gleich
nahezu das ganze "dunkle Kapitel deutscher Geschichte" von 1933-1945 verschwiegen. Wenn
auch selten gelogen wurde, wurde die Wahrheit nicht genannt; dieses wiederum ist eine
notwendige Voraussetzung für eine anschließende "Neubewertung" von Geschichte.
Es ist wohl kaum ein Zufall, dass in dem ansonsten traditionsbewußten Celle bis heute
keinerlei Hinweisschilder auf die in der Reichspogromnacht zerstörten Geschäfte
zu finden sind - wohingegen jedes noch so unwichtige historische Ereignis auf Hinweistafeln
Erwähnung findet.137
Die wenigen Beispiele öffentlichen Gedenkens wirken in Celle auch eher erzwungen denn
gewollt, als Pflichtübung und nicht als Ergebnis eines Lernprozesses. Beispielhaft
dokumentiert sich dieses in dem Artikel von Boehns in der Festschrift zur Wiederherstellung
der Celler Synagoge138, oder
etwa durch die "Vorfälle" anläßlich des Besuchs ehemaliger CellerInnen, die
ihre Heimat aufgrund der ihnen zugeschriebenen "Rasse" verlassen mußten.
139
1. Einige allgemeine Darstellungen: Rita Thalmann und Emmanuel Feinermann: Die Kristallnacht, Frankfurt a.M. 1987 (franz. Original 1972); Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der "Reichskristallnacht" zum Völkermord, Frankfurt a.M. 1988; Avraham Barkai: Etappen der Ausgrenzung und Verfolgung bis 1939, in: Michael A. Meyer (Hrsg.): Deutschjüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd.4: Aufbruch und Zerstörung 1918-1945, München 1997, S. 193-224. Hans-Jürgen Döscher: "Reichskristallnacht". Die Novemberpogrome 1938, Frankfurt a.M. / Berlin 1988; Kurt Pätzold / Irene Runge: Kristallnacht. Zum Pogrom 1938. Köln 1988. zurück
2. Mijndert Bertram: Celle - Eine deutsche Stadt vom
Kaiserreich zur Bundesrepublik. 1. Band: Das Zeitalter der Weltkriege, Celle 1992.
Brigitte Streich (Hrsg.): Juden in Celle. Biographische Skizzen aus drei Jahrhunderten,
Celle 1996. Jüdische Spuren im Celler Stadtbild. Integration und Ausgrenzung am
Beispiel von Geschäften jüdischer Mitbürger in der Celler Innenstadt vor
1933/38. Eine Dokumentation des Stadtarchivs Celle, Text: Sabine Maehnert, o.O., o.J.
(ca.1997). Der Untertitel erscheint allerdings aus heutiger Sicht fragwürdig. Das
Spezialinventar, welches auch über ein kommentiertes Personenregister verfügt,
ist einzusehen im Stadtarchiv Celle.
Vgl. dagegen Max Vogel: Die Stadt Celle in den Jahren 1924 bis 1944, in: Heinrich
Pröve / Jürgen Ricklefs / Wolfgang Paul (Hrsg.): Heimatchronik der Stadt und
des Landkreises Celle, Celle / Berlin, 2. erw. Aufl. 1959 (1. Aufl. 1959), S.104-112.
Dort fand sich zwar die Feststellung, dass die Stadt den Krieg unbeschadet
überstanden habe und nunmehr bereit für Neues sei, jedoch keine Silbe zu dem
Celler Pogrom. zurück
3. Obenaus, Sibylle: Artikel Celle, in: Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen (Stand: 06.11.2002). (Im Folgenden: Historisches Handbuch.) zurück
4. Karl Dürkefälden wurde am 12.4.1902 in Peine geboren und starb am 24.10.1976 in Celle. Von 1934-1967 arbeitete er als Ingenieur in der Celler Maschinenfabrik. Auszüge aus Dürkefäldens Tagebuch über den (Celler) Alltag im 3.Reich sind nachzulesen in: Herbert und Sibylle Obenaus (Hrsg.): "Schreiben, wie es wirklich war ..." Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens aus den Jahren 1933 - 1945, Hannover, Fackelträger, 1985. zurück
5. Diese Formulierung bezieht sich auf die Religion als gemeinsames Merkmal einer sozialen Gruppe, wenngleich - siehe unten - auch in dieser Hinsicht nicht von "den" Jüdinnen und Juden zu sprechen ist. zurück
6. Bertram 1992, S. 232. Diese im folgenden genannte Zahl sei, so Bertram, der sich auf die "Aufstellung der Glaubensjuden, die am 16. Juni 1933 in der Stadt Celle gemeldet waren" in: Stadt Celle (Hrsg.): Zur Geschichte der Juden in Celle. Festschrift zur Wiederherstellung der Synagoge, Celle 1974, S. 131-133 (bzw. S. 123-125) sowie Auskünfte des Celler Ordnungsamtes bezieht, als Mindestangabe zu betrachten. Wilfried Köppen nennt für Anfang 1933 etwa 80 in Celle lebende Personen jüdischen Glaubens. (Wilfried Köppen: Amtshilfe. Bis Celle ohne Juden war, in: Werner Holtfort / Norbert Kandel / Wilfried Köppen / Ulrich Vultejus [Hrsg.]: Hinter den Fassaden. Geschichten aus einer deutschen Stadt, Göttingen 1982, S. 97) Im Celler Adreßbuch von 1933 wird die Zahl 69 genannt. Schließlich findet sich in dem von der Stadt Celle am 8.8.1947 ausgefüllten Fragebogen des Jüdischen Komitees Hannover die Angabe von 70 Personen. (Stadtarchiv [StA] Celle 1 D 23 a, Bl. 199) zurück
7. Bertram 1992, S. 233. Eine Monografie zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung Celles fehlt bis heute. Zur Quellenlage vgl. den einführenden Beitrag von Brigitte Streich zur Geschichte der Juden in Celle, in: Dies. (Hrsg.) 1996, S. 11-32, insbesondere S. 12 ff. Auch in dem von Brigitte Streich herausgegebenen Sammelband wird, aufgrund der entsprechend günstigeren Quellenlage, primär die jüdische Oberschicht portraitiert. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung wird nicht dargestellt. zurück
8. Bei dieser Angabe bezieht sich Bertram auf Auskünfte verschiedener jüdischer Zeitzeugen. Bertram 1992, S. 233, Anm. 249. zurück
9. Bertram 1992, S. 233. zurück
10. S. Obenaus in Historisches Handbuch. Weiteres zum "Judenboykott" siehe Bertram 1992, S. 188 f. zurück
12. S. Obenaus in Historisches Handbuch. Senatspräsident Katzenstein war seit 1920 als Richter am Oberlandesgericht (OLG) Celle tätig (Streich in dies. [Hrsg.] 1996, S. 267; Amtsgerichtsrat Lenzberg war seit 1928 ständiger Hilfsrichter am OLG. Sie emigrierten nach Beurlaubung und Entlassung 1936 bzw. 1939. (Ebd.) zurück
13. Manfred Herzfeld war 1921 von Julius von der Wall als Sozius aufgenommen worden. (S. Obenaus in Streich [Hrsg.] 1996, S. 240) Er verließ Celle am 20. August 1935 "fluchtartig" und emigrierte nach Palästina. (Ebd., S. 254) Seine Zulassung wurde im August 1936 entzogen. (Dies. in Historisches Handbuch) zurück
14. S. Obenaus in Historisches Handbuch. zurück
16. S. Obenaus in Streich (Hrsg.) 1996, S. 244 f. Julius von der Wall war Vorsteher bzw. Vertreter der jüdischen Gemeinde. Als Gemeindevorsteher, der er bis zum 2.12.1933 war, verkaufte er Gemeindeland, das für den Bau des Flugplatzes Wietzenbruch benötigt wurde, an die Stadt Celle. Nach Herzfelds Flucht war er bis zum 30.11.1938 der einzige zugelassene jüdische Anwalt. Julius und die Ehefrau Else von der Wall (geb. Lang) flohen im September 1938 nach Amsterdam. In der Pogromnacht wurden die Praxis wie auch die Wohnung der von der Walls völlig verwüstet. (StA Celle, 5 O 123, Bl. 2) Ihr Vermögen wurde vom Leiter der Celler Filiale der Deutschen Bank, der als "Treuhänder" eingesetzt worden war, ermittelt und bis zur Beschlagnahme zwangsverwaltet. 1943/44 erfolgte die Deportation aus dem Lager Westerbork. Das Ehepaar von der Wall wurde, nachdem ihm Vermögen wie auch Staatsbürgerschaft genommen worden war, deportiert und in Auschwitz ermordet. (S. Obenaus in Streich [Hrsg.] 1996, S. 233-259 sowie dies. in: Historisches Handbuch) Weiteres zu Julius und Else von der Wall sowie ihrer Tochter Eva in: S. Obenaus in Streich (Hrsg.) 1996, S. 227-260. zurück
17. Bertram 1992, S. 234. Weiterhin nennt Bertram den Kaufmann Adolf Unger, der in der Bergstraße eine Monatsgarderobenhandlung betrieben hatte. Dieser wanderte mit seiner fünfköpfigen Familie über Belgien nach Palästina aus. (Ebd.) Bei S. Obenaus findet sich der Hinweis auf zwei kleine Händler, die bis Juni 1933 aus Celle fortzogen. (S. Obenaus in Historisches Handbuch) zurück
18. Einschlägiges Standardwerk ist der von Joseph Walk herausgegebene Band: Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien - Inhalt und Bedeutung, Heidelberg / Karlsruhe 1981. zurück
19. Bertram 1992, S. 234. zurück
21. Bertram 1992, S. 234 (Interview mit Kurt W. Roberg vom 11. Oktober 1988). zurück
22. Bertram 1992, S. 234. zurück
23. Ernst Meyer war durchgängig von 1924 - 1945 im Amt.
Seit April 1934 förderndes Mitglied der SS, wurde er am 1. Mai 1941 durch Verfügung Hitlers gnadenhalber Parteigenosse, nachdem Gauleiter Telschow Meyer gegenüber dem Obersten Parteigericht als tüchtigsten Oberbürgermeister seines Gaues empfohlen hatte. (Bertram 1992, S. 239, 255) Trotz seiner "Verstrickungen" - als Stichworte seien nur die "Arisierung" des Besitzes Robert Meyers sowie die Celler Menschenjagd vom 8. April 1945 erwähnt - ließen es sich die zuständigen Stellen und der Rat der Stadt Celle nicht nehmen, eine Straße nach ihm zu benennen. zurück
24. S. Obenaus in Historisches Handbuch.
Bei einer solchen Verkaufsfahrt wurde der Celler Kaufmann Julius Wexseler in Hankensbüttel und Eldingen angegriffen. Er erstattete Anzeige beim Eldinger Dorfgendarmen und wurde auf eine Zivilklage verwiesen. Im übrigen waren bereits 1934 an den Dorfeinfahrten im Landkreis Celle Schilder angebracht mit der Aufschrift "Juden unerwünscht". (Ebd.) Zu dem Angriff auf Julius Wexseler s.a. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 99. zurück
25. Stadt Celle (Hrsg.) 1974 (1. Aufl.), S. 132 f. zurück
26. In dem Schreiben des Pastor Voigt an den Kirchenvorstand vom 4.9. 1935 (StA Celle, 9/6 - Mappe mit Zeitungsausschnittsammlung "Geschichte der Juden in Celle" 1922 - 1997 laufend) findet sich u.a. folgende aufschlußreiche Passage: "6. Kein Mensch hat späterhin von der Taufe der drei Jüdinnen geredet, niemand daran Anstoß genommen - bis Herr Kanich meinen an ihn gerichteten Brief der Presse übergab und diese sich dann mit Vehemenz auf die 'Judentaufe in Celle' stürzte. Die Sache hängt so zusammen. / Edith Kohls fand - noch während der Zeit des Taufunterrichts - eine Stelle in der Speisewirtschaft des Herrn Kanich, Mühlenstraße. Ich freute mich für die Mutter darüber sehr, denn Mutter und Kinder sahen und sehen sehr schlecht aus und müssen sicherlich manchmal Not leiden. Als dann Edith Kohls am Sonntag, dem 7. Juli vormittags frei haben mußte, um getauft zu werden, erfuhr ich durch Frau Kohls, daß man Herrn Kanich die jüdische Herkunft ihrer Tochter verschwiegen habe. Ich tadelte sie deswegen ausdrücklich und nahm Veranlassung, selbst an Herrn Kanich den inzwischen veröffentlichten Brief zu schreiben. Herr Kanich hat dann Edith Kohls an jenem Vormittag beurlaubt. / 7. Als ich am 15. August d. J. von meinem Urlaub zurückkehrte, fand ich einen 'sehr eiligen, streng vertraulichen' Brief des Herrn Kanich vor, der mich bat, mich für ihn bei einem Handwerkermeister in meiner Gemeinde zu verwenden. Er habe dort Schulden und müsse zum 15. 8. einen Wechsel bezahlen. Das sei ihm nicht möglich, da wegen der Einstellung der Edith Kohls ihm etwa 20 Gäste fortgeblieben seien, er also schweren Schaden dadurch gehabt habe. Er habe Edith Kohls ausdrücklich einmal gefragt, ob sie Jüdin sei, habe aber eine verneinende Antwort bekommen. Erst durch meinen Brief sei er über die Wahrheit aufgeklärt worden. Ich möge also doch zu dem betr. Meister gehen und um Stundung der Schuld bitten. Ich habe das noch am selben Abend getan. [..] Wenige Tage später erhielt ich einen zweiten Brief von Herrn Kanich, in dem er mich bat, nochmals zu dem betr. Handwerksmeister zu gehen und außerdem mich auch bei der Bank für ihn zu verwenden. Dieser zweite Brief schien mir einen leisen Unterton der Art zu enthalten, als wolle Herr Kanich mich sozusagen unter einen gewissen Druck setzen und mich für den Schaden, den ihm die Einstellung der Edith Kohls zugefügt hatte, mit verantwortlich machen. Auch aus diesem Grunde lehnte ich es in einem kurzen, höflichen Schreiben ab, weiterhin in den Geldsachen des Herrn Kanich als Vermittler zu fungieren. / Ich hörte dann nichts mehr von Herrn Kanich - bis der Niedersachsenstürmer meinen ersten an Herrn Kanich veröffentlichten Brief veröffentlichte." (Ebd., S. 6/7) In derselben Mappe findet sich auch der von Voigt erwähnte Artikel "Judentaufe in Celle" vom 2.9.1935.
Zum Verhältnis Kirche - Nationalsozialismus in Celle siehe Bertram 1992, S. 298-320. zurück
27. Die drei Jüdinnen sind nach Westercelle umgesiedelt worden. Die Mutter und die jüngere Tochter wurden später zur Zwangsarbeit herangezogen. Ende 1939 zogen sie mit der Großmutter nach Hamburg; sie starben in Lodz und Auschwitz. (S. Obenaus in Historisches Handbuch) zurück
28. S. Obenaus in Historisches Handbuch. zurück
29. "Arisierungen" vor der Reichspogromnacht:
Das Etagengeschäft Siegfried Süsskinds in der Fritzenwiese 48 B wurde nach dessen Tod am 7.9.1935 nicht weiter geführt. Die Witwe Hulda Süßkind (geb. Graupe) lebte bis zum Mai 1940 in Celle und zog dann nach Berlin. Ihr gelang es nicht wie ihrem Sohn Werner nach Palästina auszuwandern. Am 14.9.1942 wurde sie mit dem zweiten großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Als Todestag gilt der 5.2.1943. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 42 f.)
Das Textilgeschäft Wexseler in der Hehlentorstraße 14 wurde ebenso aufgelöst. Julius Wexseler hatte die Räumlichkeiten seit 1910 von den Gebrüdern Freidberg gemietet (Bertram 1992, S. 240 und Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 44) Julius Wexseler blieb jedoch im Wandergewerbe tätig. Im Zuge der "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12.11.1938 wurde sein Gewerbe zum 1.1.1939 gänzlich eingestellt. Das verbliebene Warenlager wurde an den Reisenden Eggen verkauft. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 44)
Sein Manufaktur- und Modewarengeschäft in der Zöllnerstraße 35 löste Victor Roberg nach 1935 auf. Er verlegte es in die seine Wohnung in der Fritzenwiese 48 D, wo er zur Miete bei Siegfried bzw. Hulda Süsskind wohnte. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 35)
Das Schuhwarenhaus Löwenstein in der Zöllnerstraße 5 verkauften die Vater Jakob und Sohn Erich Löwenstein vermutlich im September 1938 an den Kaufmann August Rohde. Während Erich Löwenstein, seine Gattin Lieselotte und der Sohn Hans-Werner am 10.10.1938 nach Argentinien fliehen konnten, starb Jakob Löwenstein Ende 1940 in Liebenau, vermutlich im Arbeitslager der Munitionsfabrik. Lilli Löwenstein flüchtete nach dem Tod ihres Gatten ebenfalls nach Argentinien. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 4)
Paul Schang erwähnte eine Knopf- und Schnallenfabrik (Celler Presswerke, Kunsthornfabrik; Kronestrasse Nr.14/15): "Als der Inhaber Erich Freidberg Celle verläßt, verkauft er für einen 'Spottpreis' an den Betriebsleiter, der Parteigenosse und SA-Mitglied ist." (Reimer Bahr, Jörg Besser, Klaas Metselaar: Alltag im Nationalsozialismus vom Ende der Weimarer Republik bis zum 2. Weltkrieg, Beitrag zum Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte, Celle 1981, S. 26)
Die Gewerbesteuerliste 1934 - 1939 (StA Celle 25 H 6a) führt neben den Genannten weiterhin Wilhelm und Dora Goslar (laufende Nummer 536, 537), abgemeldet seit dem 27.12.1935, auf.
Von der "Arisierung" des Freidbergschen Eigentums profitierte aber auch die Stadt Celle: "Auf Grund der damaligen politischen Verhältnisse verkaufte die Witwe Ida Freidberg am 14. November 1936 das ihr gehörende Kaufhaus (jetzige Corves-Haus) an die Firma Gödecke und Mittelmann, seinerzeitige Inhaber: Friedrich Flentje und August Beck [...] Dieses [..] Grundstück erwarb die Stadt Celle am 1. Juli 1937 [...] / Das nebenan gelegene Grundstück - Neue Straße 2 - [..] kaufte die Stadt am 8. Oktober 1937 von Frau Freidberg direkt [..] / Weiter erstand die Stadt das Haus Hehlentorstraße 14 am 19. Dezember 1938 [..] ebenfalls von Frau Freidberg direkt." (Sechster Verwaltungsbericht der Stadt Celle für die Jahre 1926 - 1955, Celle 1964, S. 78) Ida Freidberg konnte in die USA fliehen. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 21) zurück
30. Bertram 1992, S. 240 (Interview mit Kurt W. Roberg vom 11. Oktober 1988). zurück
31. Der Text der "Rasse"-Gesetze findet sich unter anderem bei Walk (Hrsg.) 1981, S. 127. zurück
32. Stuckart / Hans Globke: Kommentare zur deutschen Rassegesetzgebung, zit. n. Elisabeth Dickmann: Die Reichskristallnacht, Bremen 1978, S. 18. Der in in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verurteilte Staatssekretär im Reichsministerium des Innern Stuckart war der Vorgesetzte Globkes. Er nahm teil an der "Wannseekonferenz" in Berlin am 20.1.1942 und gilt als Initiator, Autor und Kommentator der "Judengesetze". Zu Hans-Maria Globke finden sich im Braunbuch unter anderem folgende Informationen:
"v o r 1 9 4 5: Ministerialrat im Reichsinnenministerium, u.a. verantwortlich für Staatsangehörigkeitsfragen und Fragen der besetzten Westgebiete; durch Ausarbeitung von Diktaturgesetzen an der Liquidierung der Weimarer Republik beteiligt; Mitautor der Rassengesetze, schuf damit die juristischen Grundlagen für die Vernichtung ganzer Volksteile; aktiv an der 'Endlösung der Judenfrage' beteiligt
n a c h 1 9 4 5: Bis Juli 1963 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt mächtigster Beamter des Bonner Staates; 1962 vom Obersten Gericht der DDR zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt; auf Grund des vorgelegten Belastungsmaterials mußte er als Staatssekretär abberufen werden". (Braunbuch - Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik, herausgegeben vom Nationalrat der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland - Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR, Berlin 1965, 2. Auflage, S. 326.; zu Stuckart: Ebd. S. 24, 344 sowie Tafel 48) zurück
33. Bertram 1992, S. 241 f. zurück
34. Köppen in Holtfort u.a. (Hrsg.) 1982, S. 100. zurück
35. Reinhard Rürup: Das Ende der Emanzipation: Die antijüdische Politik in Deutschland von der "Machtergreifung" bis zum Zweiten Weltkrieg, in: Arnold Paucker (Hrsg.): Die Juden im nationalsozialistischen Deutschland - The Jews in Nazi Germany 1933-1943, Tübingen 1986, S. 107. zurück
36. Festschrift zur Wiederherstellung der Synagoge, hrsg. von der Stadt Celle 1974 (1. Aufl.), S. 14. zurück
37. StA Celle 1D Nr.23a, Bl. 108-112. zurück
38. Eine zweite Veröffentlichung, dieses Mal ohne Zwischenüberschriften, erlebte der Aufsatz 1974 in der Erstauflage der Festschrift zur Wiederherstellung der Synagoge, hrsg. von der Stadt Celle. "Es kennzeichnet die Haltung der Celler Bevölkerung in der Zeit nach 1933, daß eine solche streng an die Akten des Stadtarchivs sich haltende, gründliche und objektive Arbeit damals geschrieben werden, vor allem aber, daß sie in völlig unveränderter Form [unzutreffend, s.o.] in einer Tageszeitung erscheinen konnte", heißt es kommentierend in dieser Version der Festschrift. (Stadt Celle [Hrsg.] 1974 [1. Aufl.], S. 16) Es dürfte wohl eher das historische Bewußtsein der zuständigen Stellen der Stadt Celle in der Zeit nach 1945 dokumentieren, diesen Aufsatz ausgerechnet in der Festschrift abzudrucken. Offensichtlich ist auf diesen Umstand hingewiesen worden, denn in der Neuauflage der Festschrift 1984 taucht der Beitrag nicht mehr auf, wenn auch ohne jegliche Erwähnung dieser Änderung.
Diskussionswürdig erscheint die Auffassung Streichs zu diesem Aspekt Celler "Vergangenheitsbewältigung": "Sein [von Boehns] Aufsatz, [...] der aufgrund einiger zeitbedingter Formulierungen auf Kritik gestoßen war, obwohl man seinem Autor keinesfalls eine Nähe zum NS-Regime unterstellen kann, fehlt in der Neuaufl. der FS von 1984." (Streich [Hrsg.] 1996, S. 12) Der Euphemismus der "zeitbedingten Formulierungen" legt den fragwürdigen Schluss nahe, der antisemitische Gehalt des Aufsatzes liesse sich auf Formulierungsfragen reduzieren. zurück
39. Dieser Absatz: Trude Maurer: Abschiebung und Attentat. Die Ausweisung der polnischen Juden und der Vorwand für die "Kristallnacht", in: Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der "Reichskristallnacht" zum Völkermord, Frankfurt a.M. 1988, S. 52-73 sowie Avraham Barkai in Michael Meyer (Hrsg.) 1997, S. 214 f. zurück
40. "Ganz plötzlich mußte er seine Kinder aus der Schule holen, kaum Zeit zum Kofferpacken. Ohne Geld packte man ihn in einen Polizeiwagen [...]" schrieb Karl Dürkefälden in sein Tagebuch. (Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 99 f.) zurück
41. Ebd.
Nach seiner Rückkehr war das Geschäft des Alteisenhändlers Mendel Schul
versiegelt, aber er soll weiterhin - als Vermittler - im Schrothandel tätig gewesen
sein, schrieb Karl Dürkefälden in sein Tagebuch. Anfang 1939 lebte die Familie
Schul "Im Kreise 24", dem Celler "Judenhaus". Der 1888 geborene Mendel Schul muß
später unter die Anordnung des Chefs der Sicherheitspolizei vom 7. September 1939
gefallen sein ("Inschutzhaftnahme polnischer Juden"), die verfügte, dass alle
männlichen Juden polnischer Staatsangehörigkeit zu verhaften seien. Mendel
Schul kam 1942 im KZ um; die Kinder Adolf und Regina hatten schon im Januar und Juli
1939 Celle verlassen und emigrierten nach England, seine Frau Berta zog am 31.7.1940
nach Hannover und ist später, wie auch ihr Gatte, deportiert und ermordet worden.
(Stadt Celle [Hrsg.] 1974 [1. Aufl.], S. 132; Walk [Hrsg.] 1981, S. 304.; Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 100.; S. Obenaus in Historisches Handbuch) zurück
42. Maurer in Pehle (Hrsg.) 1988, S. 70. Herschel Grynszpan gab bei seiner Festnahme als Motiv für die Schüsse die Deportation seiner Familie nach Polen an. (Ebd.) zurück
43. Cellesche Zeitung vom 8.11. 1938. zurück
44. Bertram 1992, S. 230. Wilhelm Heinichen war von 1919 bis 1945 Landrat. Nach kurzer Internierung in Vilvorde/Brüssel war er von 1952 bis 1964 Ratsherr für die Deutsche Partei (DP) und Oberbürgermeister der Stadt Celle. (RWLE Möller: Celle-Lexikon. Von Abbensen bis Zwische, Hildesheim 1987, S. 92) zurück
45. Bertram 1992, S. 230. (Kreisarchiv Celle, Fach 32, Nr. 7) zurück
46. CZ und VB, jeweils 9.11.1938. zurück
48. Einer dieser "Blutzeugen" war der in Celle geborene Claus von Pape. (Bertram 1992, S. 242) zurück
49. Bertram 1992, S. 242.
Auch andernorts wurde der "Blutzeugen" gedacht, etwa in Garßen, wo der Rechtsanwalt und SA-Obertruppführer Hans-Jürgen Frisius sen. auf einer Feierstunde SA gesprochen hatte. Anschließend hatte sich Frisius im Lokal Aller-Club in Celle mit den Männern seines SA-Sturmes getroffen. (Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover: Nds. 171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke], Bl. 35-37 [Urteil des Gaugerichts Ost-Hannover vom 27. Januar 1939]) zurück
50. Nds. HstA Hannover: Nds. 171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 35-37 sowie Bl. 21-25 (Urteil des Obersten Parteigerichts der NSDAP in München vom 21. Februar 1939). zurück
51. Bertram 1992, S. 243 (Interview mit Franziska Plötzke, 23.11.1988). zurück
52. Gustav Krohne, siehe Abschnitt "Zivilcourage". zurück
53. Bertram 1992, S. 243. zurück
54. Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 21-25.
Bei Ulrich Hamann: Das Oberlandesgericht Celle im Dritten Reich - Justizverwaltung und Personalwesen, in: Oberlandesgericht Celle: Festschrift zum 275jährigen Bestehen des Oberlandesgerichtes Celle, Celle 1986, ist auf S. 193 nachzulesen, daß Blanke am Telefon keine Einzelheiten genannt wurden. Auch in der Entnazifizierungsakte findet sich diese Aussage Blankes (z.B. Bl. 6 vom 30.11.1945) - allerdings ist diese Behauptung zumindest kritisch zu hinterfragen. Dasselbe gilt für die Angabe Blankes, er sei zu dem Platz "Im Kreise" gefahren "in der Annahme, daß dort wieder einmal eine Bücherverbrennung oder ähnliches beabsichtigt sei" und die Darstellung, daß Blankes Einsatz für beendet erklärt wurde, nachdem er an der Synagoge angekommen und sein Wagen entladen worden war und Blanke es erst vor seiner Rückfahrt mitbekommen habe, daß die Synagoge angezündet werden sollte. (Hamann 1986, S. 193) In der Entnazifizierungsakte Blankes heißt es hierzu: "An diese [die wartenden SA-Leute] wurden die Fackeln verteilt. Ich folgte ihnen mit meinem Wagen und stellte fest, dass die Synagoge, deren Lage mir bis dahin nicht bekannt war, aufbrachen und in Brand setzten. Allerdings wegen der Feuergefahr für die benachbarten Häuser bald wieder löschten. Auf der Rückfahrt nach Hause [...]" (Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke], Bl. 8 [Erklärung Blankes vom 20.10.1945]). Bei Bertram, der Hamann zitiert, fehlt interessanterweise der Name des Fahrers. Vgl. auch den Abschnitt "Zivilcourage". zurück
55. Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 8; siehe vorige Anm. zurück
56. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 86.
"Dem Verfahren [..] liegt folgender vom Gaugericht einwandfrei festgestellter Sachverhaltzugrunde:
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden im Zusammenhang mit den im Reich durchgeführten Aktionen auch die Geschäfte der in Celle wohnhaften Juden zerstört und die dort befindliche Synagoge in Brand gesteckt." (Entnazifizierungsakte Blanke, Bl. 21-25 [Urteil des Obersten Parteigerichts der NSDAP in München vom 21. Februar 1939])
Zum Verhalten der Feuerwehr bzw. der SA sowie der Rolle Krohnes siehe Abschnitt "Zivilcourage".
Zuletzt brachte Kurt Blanke die Variante ins Gespräch, nach der ausgerechnet der SA-Schläger Heinrich Giemenz den Brand verhindert hätte. (CZ vom 7.1.1995. Zum Blanke-Interview in der CZ siehe auch den Abschnitt "Zivilcourage".) zurück
57. Ein entsprechender um 1.20 Uhr reichsweit erteilter Befehl des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), Reinhard Heydrich, sah vor, daß Brandstiftungen nur vorzunehmen seien, sofern sie keine Gefährdung "deutschen Lebens" oder Eigentums bedeuteten. (Siehe hier)
Dies war aber in Celle der Fall. Die Synagoge war integriert in eine Häuserzeile und in ihrer unmittelbaren Nähe befand sich die Lederwarenfabrik Kluge. zurück
58. Bertram 1992, S. 243. Zur Zerstörung der Synagoge und der Ausstattung des Toraschreins siehe auch Sabine Glatter / Andrea Jensen / Katrin Keßler / Ulrich Knufinke: Die Bauwerke und Einrichtungen der jüdischen Gemeinde in Celle. Synagoge - Mikwe - Friedhof, Bielefeld 1997 (Hrsg.: Brigitte Streich), S. 20, 41 ff. zurück
59. S. Obenaus in Historisches Handbuch.
In einem Schreiben des Celler Oberstadtdirektors Hellmut Krohn bzw. des "i.A." unterzeichnenden Stadtbürodirektors Ferdinand Ostwald an den Regierungspräsidenten in Lüneburg vom 6.11.1951 heißt es: "Betr.: Nachforschungen nach dem Verbleib beschlagnahmten jüdischen Kulturgutes [..]: Die von uns angestellten Ermittlungen und Nachforschungen nach dem Verbleib beschlagnahmten jüdischen Kulturgutes haben ergeben, daß derartige Gegenstände nicht vorhanden sind. [...] Dem Museum wurde im Jahre 1946 amtsgerichtlich ein Nachlaß überlassen, der ein hebräisches Pergament enthält. Die Herkunft des Stückes ist im Museum unbekannt." (StA Celle 1 D 23 a, Bl. 219)
Ähnlich lautet ein Schreiben des Stadtbaurates Theodor Wilkens - von 1934 bis 1951 Stadtbaumeister bzw. Stadtbaurat - an das Stadthauptamt am 18. Oktober 1951 aus demselben Anlaß. Es ist auch über die "Beantwortung" der Frage nach dem Verbleib "jüdischen Kulturgutes" hinaus aussagekräftg: "[..] Es ist aber doch wohl mehr wie recht und billig, daß die jüdische Gemeinde evtl. aufgefordert wird, zu melden, was fehlt, damit wir dann, soweit es sich um Bausachen handelt, der Verfügung nachkommen können. Wenn die jüdische Gemeinde selbst keine Schritte unternimmt, würden wir sogar abraten, etwas einzuleiten, dessen Ende gar nicht abzusehen ist. Die jüdische Gemeinde hätte in den langen Jahren von 1945 schon Gelegenheit genug gehabt, Ansprüche geltend zu machen.
Aus Erfahrung heraus wissen wir auch, daß hier in Celle an der jüdischen Kirche nichts passiert ist und das, was am Gebäude seinerzeit beschädigt worden ist, wieder instandgesetzt wurde. Bereits seit 1945 wird die Kirche wieder für Gottesdienste benutzt." (StA Celle 1 D 23 a, Bl. 222) zurück
60. Brief Siegfried Wolffs an Dr. Rosenkranz v. 29.10.1973, zit.n. S. Obenaus in Streich (Hrsg.) 1996, S. 253, Anm. 88. (Bezüglich des Archivmaterials siehe S. 16 f.) zurück
61. S. Obenaus in Historisches Handbuch. zurück
63. Zit. n. "Reichskristallnacht" in Hannover. Begleitpublikation zur Ausstellung in Hannover mit Beiträgen von Marlis Buchholz, Klaus Mlynek, Herbert Obenaus, Waldemar R. Röhrbein, Friedrich Rogge, Helmut Zimmermann. Hannover 1978, S. 106 f. zurück
64. StA Celle, 1 D 23a, Bl. 78. zurück
65. Das Geschäft leitete, nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten Heinrich am 29.10.1935 in Hannover, die Witwe Bella Hellmann (geb. Nass) bis zum Zwangsverkauf an Karl Fess am 29.11.1938. Der Verkauf mußte schließlich durch einen Bevollmächtigten abgewickelt werden. Am 3.12.1938 hatte Hella Bellmann Theodor Braunschweiger geheiratet, dem die Flucht nach Shanghai bereits am 20.12.1938 gelang. Bella Hellmann verzog am 23.12.1938 mit ihren Kindern Helene und Emil Jakob nach Hannover. Ende Februar 1939 flohen die drei ebenfalls nach Shanghai. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 22 f. sowie Zur Geschichte der Juden in Celle, S. 125) In Karl Dürkefäldens Aufzeichnungen findet sich zu diesem Geschäft folgende Eintragung: "Von Hellmann habe ich gar keine Beobachtungen." (Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 98) zurück
66. Oskar Salomon schloss den Vertrag zum Verkauf seines Hauses in der Zöllnerstraße 35 im Februar 1939 ab. Ihm sowie seiner Frau gelang die Flucht aus Deutschland nicht mehr. Bis zum Juli 1942 mußten sie zwangsweise im Celler "Judenhaus" Im Kreise 24 wohnen, von wo aus sie am 10. Juli 1942 deportiert wurden. Beide starben in Auschwitz. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 41) Bei Dürkefälden heißt es: "Bei Salomon und Hasall schien das Geschäft schon schlecht zu gehen infolge der Propaganda. Es wurden auch keine Offerten in den Zeitungen aufgenommen." (Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 98) zurück
67. Das Herrenmodehaus Hans Salomon, Poststraße 4, wurde am 10.11.1938 abgemeldet. (StA Celle, 25 H 6a) Der Besitzer Hans Salomon, Sohn von Oskar und Nanny Salomon, flüchtete mit seiner Frau Berta im Februar 1939 nach Shanghai. Im August 1940 erhielten sie die Erlaubnis zur Einreise in die USA. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 40 f.) zurück
68. Der Kaufmann Siegfried Wolff war als aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde vom 2.12.1933 bis Mai 1939 deren Erster Vorsteher. Während der haftbedingten Abwesenheit ihres Gatten verkaufte Käthe Wolff das Grundstück Zöllnerstraße 44. Das Geschäft wurde ab dem 20.11.1938 eingestellt. (StA Celle, 25 H 6a) Zwar durften die Wolffs zunächst weiter im Ersten Stock des Hauses wohnen, jedoch mußten die am Haus während des Pogroms entstandenen Schäden auf eigene Kosten beseitigt werden. Auch konnten die Wolffs nicht frei über den Verkaufserlös verfügen und waren gezwungen, Sondersteuern zu entrichten. Das Ehepaar Wolff und der Sohn Herbert emigrierten - inzwischen nahezu mittellos - nach Panama und traf 1945 mit den Töchtern Gerda und Eva, die per Kindertransport nach England gebracht worden waren, zusammen. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 25 f.)
"Zu Wolff sind die Leute gern gegangen, haben bis zuletzt dort gekauft und bedauert, daß sie dorthin nicht mehr gehen konnten [..]", schrieb Dürkefälden. (Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 98) zurück
69. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 85 f. zurück
70. Wilhelm Brese: Erlebnisse und Erkenntnisse des langjährigen Bundestagsabgeordneten Wilhelm Brese von der Kaiserzeit bis heute, Marwede 1976, S. 42. zurück
71. Bertram 1992, S. 244 (Interview mit Franziska Plötzke vom 23.11.1988). zurück
72. Bertram 1992, S. 244. (Siehe S. 16 f.) zurück
73. StA Celle, 5 O 123, Bl. 2. zurück
74. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 86. zurück
75. S. Obenaus in Historisches Handbuch. zurück
76. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 85 f. sowie Bahr u.a. 1981, S. 25. zurück
77. Bahr u.a. 1981, S. 25. zurück
78. Köppen in Holtfort u.a. (Hrsg.) 1982, S. 99 f. sowie Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 86. zurück
79. Köppen in Holtfort u.a.(Hrsg.) 1982, S. 101. zurück
80. Bertram 1992, S. 244. Auch bei S. Obenaus in Historisches Handbuch findet sich keine Angabe zu stattgefundenen Plünderungen. In der Entnazifizierungsakte Blankes findet sich "Auf der Rückfahrt nach Hause stellte ich fest, dass auch mehrere jüdische Läden geplündert wurden." (Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke], Bl. 8) Allerdings wäre es auch denkbar, dass Blanke hier lediglich denn falschen Begriff wählte und "nur" die Zerstörung der Geschäfte meinte. zurück
81. Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 40. zurück
82. Brese 1976, S. 42. Auch Wilhelm Brese war zwischen 1933 und 1945 kein Oppositioneller, auch wenn sich der "langjährige Bundestagsabgeordnete" der CDU verständlicherweise - wie unterschwellig in diesem Zitat - gerne als solchen darstellt. Wie Kurt Blanke leugnete er in seinen Erlebnissen das Wissen der Bevölkerung um die Zustände im Lager Bergen-Belsen. Er äußerte anläßlich des Prozesses gegen den Lagerkommandanten Kramer und die Aufseherin Grese Verständnis für die Wachmannschaften von Bergen-Belsen, schließlich hätte "das wahnsinnige Führerkorps, das die Verlegung der Gefangenen aus dem Osten nach hier veranlaßte", die Schuld am Massensterben in Bergen-Belsen gehabt. Konsequenterweise setzte er sich im Bundestag für einen raschen "Schlußstrich" in Form einer Amnestie für NS-Täter ein. Schließlich war Brese, der nach 1933 scheinbar ohne weiteres Bürgermeister in Marwede bleiben konnte, nach eigenem Verständnis "von der Politik in der Hitlerzeit nicht belastet." (Brese 1976, S. 67-69) zurück
84. Niemann arbeitete wie Dürkefälden in der Celler Maschinenfabrik. (Obenaus [Hrsg.] 1985, S. 85) zurück
85. Ein Geschäft Neumann in der Bergstraße gab es nicht. Bertram erwähnt die Möglichkeit, dass es sich um ein Missverständnis handelte und evtl. die Hellmannsche Manufakturwarenhandlung gemeint war, die in der Bergstrasse ein kleineres Ladenfenster hatte. (Bertram 1992, S. 244, Anm. 296) zurück
86. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 85 ff. zurück
88. Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, an Hermann Göring vom 11. November 1938 mit dem ersten zusammenfassenden Bericht über den Verlauf des Pogroms, zit. n. Pätzold / Runge 1988, S. 136. zurück
89. Aus der Stenographische[n] Niederschrift eines Teils der Besprechung über die Judenfrage im R[eichs] L[uftfahrt]M[inisterium] am 12.11.1938 zit. n. Thalmann / Feinermann, S. 143. zurück
92. Obenaus 1985 (Hrsg.), S. 89. Der Inhalt des CB-Artikels war im wesentlichen identisch mit dem zitierten CZ-Artikel, in Dürkefäldens Nachlaß fand sich auf dem Artikel die Bemerkung: "Der Bevölkerung bemächtigte sich keine Erregung". (Ebd.) zurück
93. Bertram 1992, S. 245. Zitiert wird dort Bahr u.a., 1981, S. 26 sowie Obenaus 1985 (Hrsg.), S. 85 f. zurück
94. Bahr u.a. 1981, S. 26. zurück
95. Hans Hische / Werner Schmidt: Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Celle 1864-1964, Celle 1964, S. 76. zurück
96. Sechster Verwaltungsbericht der Stadt Celle, Celle 1964, S. 112. zurück
97. Stadt Celle (Hrsg.) 1974, S.5 f. zurück
98. Hamann 1986, S. 193. Vgl. Anm. 54. zurück
99. Bertram 1992, S.243, Anmerkung 294. zurück
100. Obenaus (Hrsg.) 1985, S. 86 zurück
101. Bertram 1992, S.245. zurück
102. Hamann 1986, S. 195. zurück
103. Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 35-37, 21-25. "Was die parteigerichtliche Beurteilung des Verhaltens der Pgg. Frisius und Blanke angeht, so ist festzustellen, dass sie gegen ihre Pflichten als Parteigenossen nicht verstoßen haben. [...] Dass er [Frisius] unter normalen Umständen jederzeit bereit ist, den Anweisungen der Partei und seiner Vorgesetzten in der SA. nachzukommen, hat er während seiner Dienstzeit in der SA. seit seinem Eintritt am 10. Juli 1933 bewiesen. Wie sich aus seinen beigezogenen Personalakten der SA. ergibt, hat er seine Verpflichtungen in der SA. stets ordnungsgemäss erfüllt. Er wurde dieserhalb auch sehr bald bis zum Obertruppführer befördert und mit der Führung eines Sturmes beauftragt. / Auch der Pg. Blanke hat sich seit seinem Eintritt in die SA. am 9. Juli 1933 als zuverlässiger Parteigenosse und SA-Mann erwiesen. Er wurde in Anerkennung dieser Tatsache am 1. Mai 1938 als Adjutant in den Sturmbann II/7 berufen und bald zum Truppführer befördert. Hieraus ergibt sich, dass er stets den ihm gegebenen Befehlen nachgekommen ist." (Urteil des Obersten Parteigerichts der NSDAP in München vom 21. Februar 1939. [Ebd. Bl. 21-25.]) zurück
104. CZ 7.1.1995; Blanke durfte in der im Celler Raum auflagenstärksten Zeitung nicht nur über sich selbst die halbe Wahrheit verschweigen, sondern auch "ergänzen", dass die breite Öffentlichkeit vom "Lager Belsen" nichts gewußt habe, ebensowenig von Transporten mit KZ-Häftlingen - eine mutmaßlich sogar wider besseres Wissen ausgesprochene und verbreitete unwahre Aussage. Auch den Hergang der zahlreiche Todesopfer fordernden Hetzjagd auf KZ-Häftlinge am 8.4.1945 in Celle, bei dem sich - anders als auf dem entsprechenden Mahnmal in der Trift geschrieben steht - sehr wohl auch Zivilisten beteiligten, konnte sich Blanke "nicht denken". Schließlich war er seinerzeit "von Celle abwesend" und hatte deshalb "nichts davon gehört". zurück
105. Ebenda; diese Äußerung entsprach nicht den historischen Tatsachen: Blanke bat erst am 14.11.1938 um Entlassung aus der SA. (Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke], Bl. 35-37, 21-25.) zurück
106. Möller 1987, S. 20. zurück
107. Nds. HStA Hannover: Nds. 171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 8. Vgl. Abschnitt "Das Pogrom", Anm. 54. zurück
108. Nds. HStA Hannover: Nds.171 Lüneburg (Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke), Bl. 35-37. zurück
109. Im "Fragebogen [der] Military Government of Germany" (Blatt 24[unleserlich], 12 Seiten), von Blanke unterzeichnet am 22.8.1946, gibt er unter "D. Nennung, in zeitlicher Reihenfolge, aller Beschäftigungen und Anstellungen, ebenso aller Militärdienstleistungen, seit dem 1. Januar 1931" folgendes an: "[von - bis?] 15. Sept. 40 - 18.8. 44 / [Militäranschrift?] Militärbefehlshaber in Frankreich [..] [Stellung oder Dienstgrad?] Militärverwaltungsoberrat / [Art der Tätigkeit und Verantwortungsbereich] juristischer Berater der Wirtschaftsabtg. des Militärbefehlshaber in Frankreich, Paris" sowie: "[von - bis?] 18.8. - Ende Sept. [44] / [Militäranschrift?] Militärbefehlshaber in Frankreich] / [..] / [Stellung oder Dienstgrad?] Militärverwaltungsoberrat / [Art der Tätigkeit und Verantwortungsbereich] juristischer Berater der Wirtschaftsabtg. des Militärbefehlshaber in Nancy, St. Dič") (Nds. HStA Hannover: Nds.171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke]). Distanzierungsversuche von Blanke zu dieser "beratenden Tätigkeit" finden sich nicht - wenn es sie denn jemals gab. In einem Schreiben Blankes an den Präsidenten der Rechtsanwaltskammer Celle vom 21. Januar 1946 findet sich lediglich die Formulierung "Ich nehme nicht an, dass Erfüllung der militärischen Pflichten als aktiver Nationalsozialismus aufgefasst wird." (Ebd., Bl. 43)
Robert M. W. Kempner findet deutliche Worte für Menschen wie Blanke: "Sie glaubten, keine Raubmörder zu sein, wenn sie ihren Verbrechen gegen die jüdischen Bürger 'gesetzliche' Mäntelchen umhängten und jede Missetat an Juden in die Form von Verordnungen, Erlassen, Verfügungen usw. verpackten. Die Verfasser all dieser Bestimmungen hatten einen Horror davor, etwa als Kriminelle oder Mafioten erkannt zu werden. Von Vernichtungseinheiten in der Gestapo, in der SS und in den Gaskammern versuchten sie sich abzusetzen. [...] 'Mit solchen Leuten [..] hatten wir nichts zu tun', erklärten in den Nürnberger Prozessen mit eiserner Stirn Minister und Staatssekretäre als Angeklagte oder Zeugen, obwohl sie und die ihnen unterstellten Ministerien die Freibriefe für die Ausplünderung und Vernichtung der Juden geschaffen hatten." (Walk [Hrsg.] 1981, S. XIII) "Durch die enge Zusammenarbeit der politischen und der Wirtschaftsinstanzen muß die Endlösung als Raubmord charakterisiert werden. Die Nachkriegsjustiz hat sich mit den Technikern der Endlösungsmaschinerie, euphemistisch Schreibtischtäter genannt, leider viel zu wenig beschäftigt." (Ebd., S. XV)
Robert M. W. Kempner wurde am 17.10.1899 in Freiburg i. Br. geboren. Nach dem Studium von Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Freiburg und Pennsylvania begann er 1926 seine berufliche Laufbahn als Gerichtsassesor in Berlin. Nachdem er dort bei Staatsanwaltschaft und dem Amtsgericht gearbeitet hatte, wurde er bis 1933 als Justitiar der Polizeiabteilung im Preußischen Innenministerium tätig. 1931 stellte er einen Antrag auf Verbot der NSDAP und Strafverfolgung Hitlers. Nach seiner Auswanderung kehrte er 1945 nach Deutschland zurück als Mitglied des Stabes der US-Anklagebehörde in Nürnberg und stellv. US-Hauptankläger bei den Nürnberger Prozessen. (Ebd., S. 426) zurück
111. Bertram 1992, S. 245 (Interview mit Kurt Roberg vom 11.10.1988, s. Anm. 308) Kurt Roberg wurde nicht wie sein Vater verhaftet, da er an diesem Tag einfach in die Schule ging. (Ebd.) Robert Meyer entging ebenfalls der Verhaftung, da er sich zu dieser Zeit vermutlich in Hamburg aufhielt. (S. Obenaus in Streich [Hrsg.] 1996, S. 192) zurück
112. Bertram 1992, S. 245. zurück
113. StA Celle 1 D 23a, Bl. 78. zurück
114. CZ vom 11.11.1938. zurück
115. Walk (Hrsg.) 1981, S. 254. zurück
116. StA Celle, 1 D 23 a, Bl. 89. Die erwähnte Schuhmacherei des Fischel Gezelewitsch wurde am 31.12.1938 abgemeldet. (StA Celle, 25 H 6a) zurück
117. Siehe Anm. 65 zu Hellmann und 68 zu Wolff. zurück
118. Vgl. Anm. 29. Die "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" zwang die seit 1929 in Hannover lebende Witwe Paula Ems (geb. Rosenthal) zum Verkauf ihrer Häuser Am Markt 2 und Schuhstraße 53 an den Kaufmann August Tappe. Paula Ems wurde am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie vermutlich ums Leben kam. (Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, S. 16) zurück
119. S. Obenaus in Historisches Handbuch. Im Falle Robert Meyers hatte das städtische Kaufinteresse zur Folge, dass der Eigentümer Deutschland nicht mehr rechtzeitig verlassen konnte. (S. Obenaus in Streich [Hrsg.] 1996, S. 193-203) zurück
120. StA Celle 1 D 23a, Bl. 95. zurück
121. Bertram 1992, S. 246 (Interview mit Berta Lea Salomon vom 30.6.1988 und mit Kurt Roberg vom 11.10.1988) sowie ebd., S. 282 (Mitteilung von Grete Mannheim [geb. Salomon] vom 4.10.1984). zurück
123. Bertram 1992, S. 246. zurück
124. Glatter u.a. 1997, S. 20. zurück
125. Bertram 1992, S. 277. (StA Celle, 1D 23 a, B. 167, 224) zurück
126. StA Celle, 1 D 23a, Bl. 224, S. 2. "Dabei war den Verantwortlichen klar, daß dieses nur eine Zwischenstation darstellte, wie aus einer Notiz von Anfang 1941 hervor geht, die sich in den Akten der Stadtverwaltung findet: 'Sobald die Juden weg sind, kann die Stadt das Grundstück übernehmen.'" (Bertram 1992, S. 277. [StA Celle, 1 D 23a, Bl. 167]) Die damaligen Planungen sahen den anschließenden Abriß der Synagoge vor. (Glatter u.a. 1997, S. 20. [StA Celle, 1 D 23a, Bl. 215]) Die Häuser sollten zu Feuerwehrunterkünften ausgebaut werden. (S. Obenaus in Historisches Handbuch) zurück
128. Bertram 1992, S. 280.
Die zwölfköpfige Familie Feingersch aus Oldau (Bertram 1992, S. 242) war bereits Anfang 1938 Im Kreise 23 einquartiert worden. (S. Obenaus in Historisches Handbuch)
Auch das Ehepaar Salomon wurde aus dem Celler "Judenhaus" deportiert, siehe Anm. 66.
Ebenfalls im März 1943 wurde die 61jährige Jenny Schlüsselburg aus Celle deportiert. (S. Obenaus in Streich 1996 [Hrsg.], S. 202 ) Sie starb in Auschwitz. (Bertram 1992, S. 281)
Der Knochen- und Lumpenhändler Henry Salomon (Maschplatz 3; Sein Geschäft wurde ab dem 1.1.1939 eingestellt. [StA Celle 25 H 6a]), wurde im März 1943 aus Celle deportiert und ist im Konzentrationslager Theresienstadt umgekommen. (Institut Theresienstädter Initiative 2000) Auch das Schicksal des Rentners Adolf Joseph, der angeblich am 29.1.1942 in Celle starb, dort aber nur bis zum 15.10.1941 gemeldet war, bleibt unklar. (Bertram 1992, S. 280)
Zum Schicksal anderer Celler JüdInnen siehe die Anmerkungen 27 (Elsa und Lieselotte Kohls), 29 (Hulda Süsskind), 41 (Mendel und Berta Schul) zurück
129. S. Obenaus in Historisches Handbuch. Robert Meyer starb in Auschwitz (S. Obenaus in Streich 1996 [Hrsg.], S. 203), Lydia Dawosky starb wahrscheinlich in Neuengamme. (Bertram 1992, S. 281) zurück
130. S. Obenaus in Streich 1996 (Hrsg.), S. 202. Julius Wexseler hatte bis dahin Zwangsarbeit in der Bettgestellfirma Altona-Celle geleistet. (S. Obenaus in Historisches Handbuch) Am 2.12.1944 wurde er nach Sachsenhausen überstellt. Im Mai 1945 wurde er für tot erklärt. Anna Wexseler kam nach Ravensbrück, wo sie am 6. Februar 1945 starb. (Bertram 1992, S. 282) zurück
131. "Nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch die Deutschnationalen und der Stahlhelm sowie große Teile des national-konservativen Beamtentums und der Kirchen waren von der Existenz einer - antisemitisch definierten - 'Judenfrage'- und der Notwendigkeit einer 'Lösung' dieser Frage überzeugt. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Entrechtung und soziale Ausgrenzung der Juden im Lager der nicht-nationalsozialistischen politischen Rechten nicht nur hingenommen, sondern unterstützt und vorangetrieben wurde, ist angesichts der Distanzierung von gewalttätigen 'Exzessen' gegen die Juden und des späteren Entsetzens über den Völkermord bis heute allzuwenig beachtet worden." Rürup in Paucker (Hrsg.) 1986, S. 100 f. zurück
132. Z.B. Brese 1976, S.42, zur Reichspogromnacht: "[...] Kristallnacht, in der in ganz Deutschland jüdisches Eigentum vernichtet wurde." oder Blanke in seinem Schreiben vom 8.12.1938 (Nds. HStA Hannover: Nds.171 Lüneburg [Entnazifizierungsakte Dr. Kurt Blanke], Bl. 35-37) Vgl. Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996, S. 131: "Und schließlich war da die sinnlose Vernichtung so vieler Sachwerte, die zahlreiche Deutsche abstieß. Selbst wenn sie es richtig fanden, daß die Juden [...]" Selbst Göring äußerte sich dementsprechend: "Mir wäre es lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet." Aus der Stenographische[n] Niederschrift eines Teils der Besprechung über die Judenfrage im R[eichs]L[uftfahrt]M[inisterium] am 12.11.1938 zit. n. Thalmann / Feinermann, S. 143. zurück
133. Blanke in der CZ vom 7.1.1995 über das "Nichtgewußthaben" der ansässigen Bevölkerung von der Existenz des KZ Bergen-Belsen. zurück
134. CZ vom 7.1.1995: zu Blankes SA-Austritt; Stadt Celle (Hrsg.) 1974: zu Gustav Krohne. zurück
135. CZ vom 7.1.1995: Blankes Tätigkeit 1941-1944; Stadt Celle (Hrsg.) 1974: Krohnes Stellung in der Partei. zurück
136. Z.B. Vogel in Pröve u.a. 1959. zurück
137. Eine der wenigen Ausnahmen, die bezeichnenderweise nicht von "offizieller Seite" zu verantworten ist, stellt der Antifaschistische Stadtplan von RWLE Möller und Reinhard Rohde, Celle 1995 (Neuauflage) dar, in dem lokalhistorisch bedeutsame Stätten und Ereignisse der Zeit von 1933 bis 1945 sowie entsprechende Quellen dargestellt werden. zurück
138. Stadt Celle (Hrsg.) 1974 (1.Auflage), S. 9-16. zurück
139. Celler Markt vom 9.5.1985. Dieser Artikel findet sich u.a. in StA Celle: 9/6 (Mappe mit Zeitungsausschnittsammlung Geschichte der Juden in Celle 1922 - 1997). Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang Äußerungen von Lokalpolitikern aus der jüngsten Vergangenheit. Mit haltlosen - durchaus an antisemitische "Argumentations"muster erinnernden - Behauptungen, kurdische SozialhifeempfängerInnen würden im Landkreis Celle zwecks Geldwäsche Immobilien aufkaufen und dem sinngemäßen Aufruf zum Boykott kurdischer Waren haben diese auf ihre Weise historisches Bewußtsein demonstriert. zurück
© Elmar Maibaum