SDS - Hannover

Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband Hannover




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Programm des SDS-Hannover

In Hannover hat sich eine neue pluralistische, offene, kritische und selbstkritische linken Hochschulgruppe gebildet. Die Vorstellung von einer pluralistischen linken Hochschulgruppe macht all jenen Angst, die Politik lieber im verborgenen betreiben, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, Anpassung und Opportunismus mit Widerstand verwechseln und generell nicht merken, dass der Ausspruch der bürgerlichen Gesellschaft -"In der Politik gibt und gäbe es keine Freunde."- den ureigenen Anspruch der Linken verrät, der Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft ihre Kritik entgegen zu halten. Diese Kritik muss selbstkritisch sein, da ansonsten das, was Mann und Frau selbst kritisieren und verändern wollte, lediglich unter einem neuen Label erneut reproduziert wird.

Wir gehen dabei von einem tief greifenden Zerfall linken Denkens, Fühlens und Handelns in der Gesellschaft und der Universität aus. Da wir diese Einstellungen als Grundlage allgemeingesellschaftlicher, emanzipatorischer und studentischer Politik ansehen, besteht die logische Konsequenz für uns darin, als oberstes Ziel eine notwendige Neubildung linken Denkens und Handelns anzustreben. Aus diesem Grund haben wir unser Programm speziell auf dieses Ziel ausgerichtet, da sich auf dieser Grundlage sämtliche Einzelforderungen der Studierenden entwickeln lassen. Wir wollen die Menschen an unserer Uni dazu bringen, dass sie die durch die Gesellschaft gepredigt Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer Menschen, dass sie die unter dem Begriff der "Kundenlogik" verborgenen "Konkurrenz aller gegen alle" für sich nicht zulassen.

Der SDS-Hannover will als Hochschulgruppe für den Bereich der Bildung und der Universität das einfordern, was die bürgerliche Gesellschaft als Ideal von sich selbst behauptet, ihren gesellschaftlichen Mitgliedern verspricht und nicht willens oder in der Lage ist, einzuhalten. Wir wollen die bürgerliche Gesellschaft an ihre eigenen Vorstellungen bzw. Versprechungen von Freiheit, Gleichheit, Mitgestaltung und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum erinnern. Linke Kritik besteht für uns vor allem darin, die Inhalte dieses Versprechens einzufordern. Was wir damit meinen, wollen wir in unserem Programm anhand (einiger gedanklicher Modelle) verdeutlichen.

Aus welchen Vorstellungen entwickelte sich überhaupt der linke Ansatz für Gesellschaftskritik, auf welche Tradition berufen wir uns dabei?

Es gab einmal im 19. Jahrhundert einen Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln, der an sich sehr einverstanden war mit den Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft von Freiheit und Gleichheit und ihrer rechtlich-ethischen Ausgestaltung. – Für problematisch sah er zunächst nur die Umsetzung an. Bei seiner Beschäftigung mit dem so genannten "Holzdiebstahlgesetz" (und seiner weiteren politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Realität der bürgerlichen Gesellschaft) musste dieser Redakteur aber erkennen: Gleiches Recht für alle in einer ungleichen und durch Klassen in Arm und Reich, Besitzende und Besitzlose, Gebildete und Ungebildete gespaltenen Gesellschaft bedeutet ungleiches Recht für Alle. Diese Scheidung lässt sich für uns am folgenden Modell verdeutlichen: Wenn es Armen und Reichen gleichermaßen verboten ist unter Brücken zu schlafen, der Reiche es nicht muss, weil er in einem Palast wohnt während der Arme noch nicht einmal eine Hütte besitzt, dann kann für uns Linke die Perspektive nur sein, nicht Hütten, sondern Paläste für alle. – Gemeint ist die Teilhabe, d.h. die Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum! – Bei diesem Redakteur und in der folgenden Zeit einer der wichtigsten Autoren für linke Kritik am Kapitalismus handelt es sich um keinen geringeren als – Karl Marx!

Worin besteht aber die Aussage dieses Modells in Bezug auf die gesellschaftliche Sphäre der Bildung und der Institution Universität?

Beim Holzdiebstahlgesetz geht es um die natürliche Ressource Holz, bei dem Vergleich von Arm und Reich (nicht nur in Bezug auf das Verbot unter Brücken zu schlafen!) um die Partizipation am gesellschaftlichen Potential von Reichtum. Bei Bildung und Ausbildung hingegen geht es um zwei sehr verschiedene Dinge. Bildung im Sinne von Ausbildung steht im Bezug auf das einzige Mittel der arbeitenden, zu Marx Zeiten besitzlosen Klasse zur Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum, dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt als "Ressource" Arbeit. Heute, in den Zeiten von Hartz – Gesetzen, Studiengebühren etc., wird diese Klasse heute wieder tendenziell von Besitzlosigkeit bedroht. In etwas höherer oder auch "sublimierter" Form ist "Bildung" im Sinne von Ausbildung ein Mittel für einen arbeitenden Menschen, einen höheren Preis für den Verkauf seiner "Ressourcen" auf dem Arbeitsmarkt zu erzielen. Gesamtgesellschaftlich gesehen sind aus der Perspektive linker Kritik "Bildungsressourcen" nichts anderes, als die bessere und effizientere Ausnutzung von dem "was da ist", von der durch (Aus-) Bildung verfeinerten "Ressource" Arbeitskraft. Wird jetzt aber die "Bildung" im Sinne von Ausbildung nicht mehr als Möglichkeit zur gesellschaftlichen Partizipation gesehen und statt dessen von Bildung als "Kostenfaktor" ausgegangen, erscheint Bildung nicht mehr als Anrecht für die arbeitende Klassen am gesellschaftlichen Reichtum und der einzelne Studierende lediglich als "Kostenfaktor".

Der mittlerweile immer mehr zu beobachtende Konkurrenzdruck, Ellenbogenverhalten und das Verständnis von "Solidarität" und "Gleichheit" im Sinne von "Wenn ich es schwer habe und es mir schlecht geht (nicht nur beim Studium!) soll es allen schlecht gehen ist nur ein gesellschaftlicher Ausdruck innerer Zerrissenheit bei den Studierenden selbst. Linke Kritik muss hier ansetzen und diese Zerrissenheit als negative Solidarität und negative Gleichheit und ihre Ursachen benennen und Alternativen deutlich machen. Der einzelne Studierende vertritt eben bei seinem/ihrem Studium und späteren Erwerbsleben nicht nur sich selbst, sondern auch den Anspruch der arbeitenden und besitzlosen Klasse an dem von ihr produzierten Reichtum. – Keine Frage, dass aus kritischer Linker Perspektive der Chefarzt nachher höhere Steuern und Abgaben zu zahlen hat!

Ist das jetzt alles, hat ein Studium nur einen Ausbildungscharakter?

Hier kommt jetzt der aus linker Perspektive ein zweiter auf Partizipation gerichteter und wesentlich emanzipierterer Bezug zur Bildung zum tragen. Bildung beinhaltet zugleich ein sich fremden Zwängen entgegensetzendes, damit Freiräume für die eigene Individualität gestaltendes und dadurch tendenziell befreiendes Moment. Historisch kündigt es den Aufstieg des Bürgertums aus dem Dünkel der feudal-absolutistischen Gesellschaft und Aufklärung des abergläubischen Volkes an. Statt Furcht und Gewalt setzte es Vernunft und Erkenntnis. Das Bürgertum vertrat den Anspruch zur Mündigkeit zu kommen gegenüber dem Adel und dem Klerus, als revolutionäres Kampfmittel dazu lässt sich ex post der dazu notwendige Zugang zur Bildung festhalten.

Das Losreißen vom Aberglaube und der alten Religion und die Beherrschung der Natur durch Wissenschaft und Technik schafft eine ganze Reihe neuer Probleme, welche die bürgerliche Gesellschaft in zahlreiche und bis heute nicht überwunden Widersprüche stürzt, die sich als ständiger Zwiespalt zwischen ihren eigenen Idealen und Ansprüchen und der gesellschaftlichen Realität äußert. Dieser Zwiespalt aus dem Versuch zur Beherrschung der Natur, hat neben einer ganzen Reihe ökologischer Probleme und der Trennung der Menschheit in Arme und Reiche auch zur Folge, dass die Individuen selbst in diesen Zwang zur Naturbeherrschung mit eingeordnet und unterworfen werden. Damit ist gemeint, dass die Menschen sich im Zusammenhang mit dem Versuch der Naturbeherrschung auch ihr soziales Zusammenleben organisieren, daraus folgt als Struktur des sozialen Zusammenlebens das, was wir heute "Gesellschaft" nennen. Das bedeutet umgekehrt, dass der fortschreitende Versuch die Natur zu beherrschen, den Menschen immer abhängiger von der von ihm selbst geschaffenen Gesellschaft macht.

Theodor W. Adorno sprach in diesem Zusammenhang von der Gesellschaft als "der zweiten Natur", welche so wie die erste Natur den Menschen in Abhängigkeit und damit in einem Zustand der Unfreiheit hält. In unserem Alltag taucht diese Abhängigkeit als "Sachzwang", "Reformstau", "Demographieproblem", "Wachstumsschwäche", "Technikfolgeproblem", "Arbeitslosigkeit" und nicht zu letzt "Bildungsnotstand" auf. Alles Dinge, die wir aus unserem Bestreben, die Natur zu beherrschen, als neue Abhängigkeitsverhältnisse, als "zweite Natur" geschaffen haben – und die auf uns je einzelne Menschen zurückschlagen. Für uns Menschen sieht es dann so aus, als ob es sich um "natürliche" Probleme handelt, die wir, wie alle Probleme mit der Natur, mittels "Technik" (sprich: bürokratischer Regelungen) beherrschen können: Also "Bildungsnotstand" mittels "Excellenzunis", "Studiengebühren", "Kundenorientierung" und "Forschungscluster". Ein paar Beispiele für solche "bürokratischen" Regelungen gefällig? Zu viele Arbeitslose? Arbeitslose zur Arbeit antreiben und "in Bewegung halten"! Zu lange Studienzeiten wegen steigendem Erwerbszwang? Studiengebühren einführen! Zu volle Seminare? Teilnehmerbegrenzung! Dadurch zu viele Studierende an der Uni? Excellenzunis und wieder Trennung der Bevölkerung in "bildungsnahe" und "bildungsferne" Schichten! Oder anders formuliert: "Es wäre doch gut, wenn aus dem Sohn oder der Tochter eines Hilfsarbeiters/Hilfsarbeiterin wieder ein Hilfsarbeiter/Hilfsarbeiterin werden würde!" oder: "Es müssen ja nicht alle studieren!" "Wir (!?) müssen uns von der Vorstellung verabschieden, alle Menschen wären gleich, wir müssen nur die unterschiedlichsten Arbeitsplätze für diese Menschen bereithalten!" – Von dieser Auffassung ist es nur ein kleiner Schritt zu "Wenn wegen zu voller Seminare Teilnahmebegrenzungen eingeführt werden, sich von 50 Leuten nur 25 eintragen können und Du bei denen bist, die sich nicht rechtzeitig eingetragen haben, dann musst Du draußenbleiben!" Für linkes Denken ist traditionell alles, was Menschen sich an sozialen Zusammenhängen geschaffen haben, auch wieder durch sie veränderbar, eben gerade deshalb nicht "natürlich", sondern wirkt nur als quasi-natürlich auf die Menschen zurück. Aus der Reflexion: "Es war nicht immer so, es muss nicht so sein!" folgt der Anspruch, es geht auch anders! – Daraus folgt der Aufruf zum Widerstand! Braucht es noch eine Erklärung dafür, warum wir z.B. gegen Studiengebühren sind?

Was hat das jetzt alles aber mit mir zu tun?

Der je einzelne Mensch ist kein in sich selbst abgeschlossenes und vor allem selbständiges Wesen, dessen Inneres nicht mit dem Außen vorgefundenen interagiert. Von außen werden uns durch Familie, Freunde, Schule, Jugendzentrum, Medien, Ideologien, Religion, Parteien etc, Vorstellungen von "Gut und Richtig" und andere "Einsichten" vermittelt. Auch Vorstellungen von "individueller Freiheit" oder der Beherrschbarkeit der Gesellschaft durch bürokratische Regelungen analog der Beherrschung der Natur durch Wissenschaft und Technik etc., werden durch das, was in der Sprache der Sozialwissenschaften "Sozialisation" heißt, von der Gesellschaft in uns je einzelne Menschen quasi "hineingelegt". Dazu gehören auch die "äußeren Zwänge" in Form von autoritär-bürokratischen Gängelungen in der Universität wie Studienordnungen, Klausuren und Zensuren, Anwesenheitspflichten, Unterordnung unter schulische und universitäre Autoritätspersonen etc. Sie wirken auf jeden einzelnen Studierenden ein und formen sein oder ihr Inneres.

Hier setzt jetzt ein Mechanismus ein, den wir alle auch unter solchen Floskeln wie, "Sich selbst eine Sache schönreden" kennen. Durch die scheinbar "Natürlichkeit" von dem, was uns tagtäglich als "Sachzwang", "Reformstau" o.ä. bekannt ist, werden sich selbst Begründungen dafür gesucht: "Das es ja nicht anders sein könne.", oder, "Das wenn es schon nicht anders geht, das Beste daraus gemacht werden muss." Wenn sich ein einzelner Mensch dem angepasst hat und einem anderen Menschen begegnet, der dies nicht getan hat und Widerstand leistet, passiert … ja, passiert was? – Hier will linkes Denken durch die Verbindung von Gedanke und Gefühl, Theorie und Praxis eingreifen und zur Solidarität auffordern! Die Verbindung dieser jeweiligen Extreme heißt für uns auch Bildung – Bildung aus emanzipatorischer Perspektive! Anders formuliert schafft Bildung den konstitutionellen Rahmen in der modernen Gesellschaft, die sich selbst nicht über Zwänge oder verinnerlichte Zwänge, sondern über Vernunft bzw. vernünftig begründete Argumente begründen will. – Was umgekehrt heißt, dass für uns eine "Logik" nach dem Motto "Nach der Reform ist vor der Reform" unvernünftig und repressiv ist. Eine emanzipatorische Perspektive braucht eine linke, kritische und selbstkritische Kraft. Uns ist es lieber, wenn 100 Leute durch unser Programm zum Nachdenken angeregt werden und 50 Leute mit uns diskutieren, als 10 Leute, die uns "einfach so" wählen, von denen nachher eine Person mit zur Demo kommt!